Zukunftsnarrative von der Utopie zur Apokalyptik

In einer Krise, wie sie uns Corona gerade beschert, beschreiben verschiedene Menschen verschiedene Arten einer fĂŒr Sie vorstellbaren Zukunft. Doch wir alle sehnen uns nach einer Vision, einer Zeit nach dem beĂ€ngstigenden Status Quo. Aus diesem Grund schaut die Storytelling-Expertin im Team, Jennifer Fritz, diesmal auf Geschichten von einer Zukunft nach Corona. Ob diese eher utopisch, dystopisch oder apokalyptisch sind, hĂ€ngt auch immer davon ab, wer da in die Zukunft schaut. Denn Zukunft ist ein lebendiges, sich verĂ€nderndes Gebilde. 

“Da die Zukunft nie ist, sondern immer nur sein wird, existiert sie allein in unserer Vorstellung. Unser kritisches Denken und unsere Phantasie machen sich Bilder von Welten, die vielleicht einmal entstehen werden. Das beginnt mit Statistiken und ihrer mutmaßlichen Fortschreibung, es endet mit abenteuerlichen Science-Fiction-Technologien, die erst in einigen Jahrtausenden die letzten Grenzen menschlicher Existenz sprengen könnten.” 

Jan Martin Ogiermann – Zukunft – Eine Biografie

Ganz zu Beginn der Corona-Krise gab es sofort einige, die gesagt haben, dass in verschiedenen FĂ€llen die Zeit, die wir gerade durchleben, mehr oder weniger akkurat vorhergesagt wurde – von einem Roman, von Astrologen, von einem Hollywoodfilm. Bei der Menge an “zukunftsgewandten” Geschichten, die zu jeder Zeit auf der Welt verfasst werden, ist es kein Wunder, dass der eine oder andere zumindest nah dran war. Auch Bill Gates wird nicht mĂŒde, darauf hinzuweisen, dass er eine Pandemie vorausgesagt hatte – und erfĂ€hrt gerade, dass Propheten, die die Wahrheit gesagt haben, nicht immer beliebt sind

Schon seit der Antike – besonders in der christlichen Vorstellung der ‚Apokalypse‘ – tendieren die Narrative von Katastrophen dazu extrem zu sein: utopisch, dystopisch und apokalyptisch. Die Krise verstĂ€rkt diese Tendenz zum Extremen. Und so sehen wir auch in dieser Krise diese Extreme. 

Utopie – der ewige Wunsch nach der Insel der GlĂŒckseligen

Die Utopie, wie wir sie in Zukunftsnarrativen sehen, hat ihren Ursprung in der Schrift “Utopia” von Thomas Morus aus dem Jahr 1516. Sie beschreibt das Leben auf der Insel Utopia in einer egalitĂ€ren, kollektivistischen und indirekt demokratischen Gesellschaft. Es war der Entwurf einer perfekten Gesellschaft nach seiner Vorstellung. Und genau das sehen wir nun wieder in den utopischen Zukunftsausblicken wĂ€hrend der Corona-Krise. 

Schon der Ausblick von Matthias Horx aus den frĂŒhen Tagen der Krise fĂ€llt in die utopische Kategorie. Er beschreibt die positiven VerĂ€nderungen, ĂŒber die wir uns im Herbst wundern werden: mehr Freude, mehr NĂ€he, mehr Dankbarkeit, mehr WertschĂ€tzung, Humor und Menschlichkeit. Diese “Re-Gnose”, wie man diese Art von GegenwartsbewĂ€ltigung nennt, setzt bewusst den Fokus auf das Positive, um ein Gegengewicht zu den Untergangsphantasien der frĂŒhen Krisentage zu setzen. Dementsprechend dankbar wurde sie auch von unzĂ€hligen Mainstream-Medien aufgegriffen und zweitveröffentlicht. Gerade bei den ersten Schritten auf den sich plötzlich auftuenden Abgrund zu war ein positiver Hoffnungsschimmer wie dieser höchst willkommen. Ähnlichkeiten damit hat auch dieser Tagebucheintrag aus der Zukunft von Rabi Nechemia Schusterman, der aus dem Jahr 2022 auf all die positiven, wenn auch religiös gefĂ€rbten VerĂ€nderungen zurĂŒckblickt.

Doch nicht nur aus der systemischen Beratung kommen Ideen fĂŒr die Zeit danach: Ein Kollektiv aus niederlĂ€ndischen Wissenschaftlern hat fĂŒnf Forderungen fĂŒr eine bessere Welt nach Corona veröffentlicht. Dabei stellen sie bereits in der ersten Forderung die Systemfrage: Ist immerwĂ€hrendes Wachstum der richtige Weg? Alle weiteren Forderungen vom Schuldenerlass bis zur Umstellung der Landwirtschaft basieren darauf. 

Von der UniversitĂ€t Kent hingegen meldet sich der Rechtsdoktorant Moritz Neugebauer mit seinem Entwurf eines Utopias, der weg geht vom universellen Grundeinkommen und hin zu den universellen Grund-Services, einem Stopp aller Zahlungen (zum Beispiel Miete und Kredite) bis zum Ende der Krise sowie der EinfĂŒhrung eines universellen Gesellschaftsdienstes. Wer die Grundzutaten zum Leben vom Staat gestellt bekommt, kann sich, statt zu arbeiten, auch durch Dienst an der Gesellschaft erkenntlich zeigen. 

Utopien sind immer mit der rosaroten Brille gefĂ€rbte Narrative einer idealen Zukunft, wenn auch nur fĂŒr das Individuum, das diese Zukunft beschrieben hat. Des einen Utopia kann durchaus auch des anderen Horrorvorstellung sein. Denn aus Thomas Morus‘ kollektivistischer Idee wurde am Ende in der RealitĂ€t eine kommunistische Diktatur. Doch das macht das Nachdenken ĂŒber eine bessere Welt nicht unnĂŒtz. Im Gegenteil! Es gehört – wie bereits im ersten Teil der Serie ĂŒber Storytelling in der Corona-Krise beschrieben – zur psychischen Hygiene. Warum denn nicht in der Krise an einer besseren Zukunft arbeiten?  Einzelne utopische Gedanken können ja auf fruchtbaren Boden fallen und in der Krise positiv wirken. So etwas wie das bedingungslose Grundeinkommen, das bis vor Kurzem noch von vielen als utopische Weltsicht empfunden wurde, wird von Spanien in der Corona-Krise nun eingefĂŒhrt. 

Dystopie & Apokalyptik – beim Teutates, der Himmel wird uns auf den Kopf fallen

WĂ€hrend der Recherche fĂŒr diesen Artikel ist mir Folgendes aufgefallen: Utopien, also reine positive Blicke auf eine bessere Zukunft nach der Krise, sind wĂ€hrend Corona schwer zu finden. Deutlich in der Überzahl sind die Dystopien und Apokalyptiker. 

Jonathan Nolan, der Showrunner von Westworld, bringt das im Chicago Tribune auf den Punkt: Unsere Kultur probiert kollektiv verschiedene Strategien und AusgĂ€nge in Fiktion aus, um herauszufinden, wo wir unsere Gesellschaft so richtig in den Sand setzen könnten. Es gibt zwar utopische Fantasien, aber die Menschheit hat mehr Interesse daran, die Versionen zu sehen, wo etwas so richtig schief gelaufen ist. Shows wie Westworld und Black Mirror erfreuten sich vor der Krise großer Beliebtheit. 

Wie ein frĂŒher Tweet zusammen scharfzĂŒngig zusammenfasste: Diese Black Mirror Folge stinkt. 

Twitter

Mit dem Laden des Tweets akzeptieren Sie die DatenschutzerklÀrung von Twitter.
Mehr erfahren

Inhalt laden

Schauen wir uns aber einmal an, wie die dystopische Weltimagination in der Corona-Krise aussieht. Ein besonders deprimierender Ausblick, der aber in seinen Themen exemplarisch fĂŒr viele andere steht, ist der Artikel von Ryan Broderick fĂŒr Buzzfeed: die Erstarkung des Überwachungsstaates durch das Corona-Tracking in China und anderen asiatischen LĂ€ndern, die grĂ¶ĂŸte Depression der Wirtschaft und ein noch tiefer gespaltenes Amerika. Allgemein bietet der Artikel einen sehr amerikanischen Blick, zeigt aber viele der Themen auf, die in typischen dystopischen Artikeln unserer Zeit zu finden sind. Auch sind uns viele dieser Narrative schon aus der klassischen dystopischen Literatur wie Brave New World und 1984 bekannt. 

Und wer sagt, dass es nach der Krise nicht nur dystopisch, sondern sogar geradezu katastrophal werden könnte? Dieser Medium Artikel von Umair Haque beschreibt die Corona-Krise nur als Vorboten des eigentlichen Untergangs, der uns in diesem Jahrhundert noch bevorsteht. 

Bevor die ersten resigniert aufhören zu lesen, habe ich auch noch etwas zum Schmunzeln mitgebracht: Dezidiert seltsamer wird es in der nĂ€chsten Unterform der Dystopie – der Apokalyptik. Seit ca. 2000 Jahren beschĂ€ftigen sich christliche “Propheten” mit der Apokalypse, dem Ende aller Zeiten, in der der Messias kommen wird, um im JĂŒngsten Gericht ĂŒber die Menschheit zu richten. Vor allem in den USA gibt es unzĂ€hlige Menschen, die verbreiten, dass der Coronavirus eine Strafe Gottes und ein Zeichen der nahenden Apokalypse ist. Interessanterweise enthalten sehr viele dieser Videos das Wort “Truth” in der Überschrift. Nunja. 

“Holy Trump” von Mark Klawikowski

Doch manche Apokalyptiker der Corona-Krise haben sich einen ganz besonderen Messias ausgesucht: keinen anderen als Donald Trump. Angefangen hat der Spuk bereits lange vor der Corona-Krise, 2016 wĂ€hrend der ersten Wahlkampagne. Numerologen haben ausgerechnet, dass Donald Trumps Name fĂŒr “Messias aus dem Hause David” steht. In dieser Rechnung war natĂŒrlich Hillary Clinton der Antichrist. Welch Überraschung. Dann hat sich vor acht Monaten Donald Trump tatsĂ€chlich dazu hinreißen lassen, zu bestĂ€tigen, dass er der “chosen one” sei. Kein Wunder also, dass evangelikale Sekten in den USA sich in ihrer Sicht bestĂ€rkt fĂŒhlen, dass Trump der Messias ist und Corona der Startschuss zur Apokalypse. 

Aber warum kommen gerade in einer Krise an allen Ecken und Enden Dystopianer und Endzeit-Propheten aus ihren Löchern gekrochen? Das fasst John Blake fĂŒr CNN zusammen: Eine Krise ist immer auch die Chance, sich selbst ins Rampenlicht zu rĂŒcken. Einige Menschen erfahren auch eine große Befriedigung daraus, andere Menschen in Panik zu versetzen. Denn panische Menschen kaufen auch gerne Dinge, die sie angeblich vor einem negativen Ausgang des JĂŒngsten Gerichts schĂŒtzen sollen. Und einige glauben tatsĂ€chlich, dass sie mit ihrer EinschĂ€tzung der Lage richtig liegen. 

Das soll nicht heißen, dass wir aus dystopischer Literatur und dystopischen Narrativen nicht etwas lernen können. Dystopien sind immer auch ein Aufschrei, ein Weckruf und eine Warnung vor einer nicht wĂŒnschenswerten Zukunft, in die wir abzugleiten Gefahr laufen. Somit mag es zwar deprimierend sein, Dystopien zu lesen, aber lehrreich ist es allemal.   

Positiv, negativ und alles dazwischen 

Da die Welt nun Mal nicht schwarz-weiß ist, noch einen Hinweis auf einen Artikel, der das ganze Spektrum der hier aufgezeigten utopischen bis dystopischen Achse aufweist: Zwölf sehr unterschiedliche Ausblicke auf das Leben nach Corona bieten zwölf so genannte “Global Thinker” in diesem Artikel fĂŒr Foreign Policy. Hier ist sicher fĂŒr jeden etwas dabei.

Ob utopisch oder dystopisch, wenn wir diese Narrative mit offenen Augen lesen oder uns sogar selbst daran versuchen, sie zu schreiben, so kann das positive Effekte haben. Wir lernen davon, wir schreiben uns die Angst von der Seele, wir schreiben gegen eine negative Entwicklung an, die wir absehen können. Doch die Zukunft ist, wie so viele Dinge, zumeist nie nur utopisch oder nur dystopisch – sie ist eine Mischform. Und nur eins ist am Ende zu diesem Zeitpunkt gewiss: Viele von uns werden eine Zukunft nach der Corona-Krise erleben und können dann mit mehr oder weniger AmĂŒsement die “Zukunftsnarrative der Corona-Krise” sortieren und schauen, wer recht hatte und wer nicht.