“Wir werden 30 bis 50% der Clubs verlieren”

Clubs sind hart getroffen von der gegenwärtigen Situation: Eine unsichere Lage bis hinein in 2021 lässt viele Veranstalter nun nach virtuellen Alternativen suchen, während andere vor der Herausforderung des Unplanbaren kapitulieren. Eine Branche steht nun unter enormem ökonomischen Druck, sich neu zu erfinden und kreative Lösungen zu finden. Arne Ludwig im Gespräch mit dem Musikjournalisten Thomas Venker.

Seit mehr als drei Monaten beschäftigt Covid 19 die Gesellschaft.

Heute wollen wir die Clubszene beleuchten.

Gewölbe Köln. Vor und während Corona. Foto: Andreas Zimmermann

Erst heute morgen habe ich im Radio ein Interview mit einem DJ gehört, dessen Aussage war, im März dachten wir alle noch, dass im Sommer wieder alles normal ist. Wie lautet Deine Zwischenbilanz mit Blick auf das Thema? 

Der DJ, den du zitierst, war damals sicherlich nicht alleine mit seiner optimistischen Interpretation der Situation. Den meisten ist wohl erst peu a peu bewusst geworden, dass Corona / Covid-19 nichts ist, was nur kurz einen Einfluss auf unsere Leben haben wird. 

Dadurch dass ich doch recht viele Bekannte und FreundInnen in Asien habe und mit Lena Willikens auch eine Künstlerin manage, die im November noch auf China-Tournee war und für April eine weitere China-Japan-Tournee geplant hatte, habe ich von Ende Februar mit Clubs und KünstlerInnen in Asien in Austausch gestanden – die Einschätzungen aus China waren da schon eher ernüchternd und negativ, in Japan aber haben die BookerInnen noch bis Mitte März daran geglaubt, dass eine Apriltournee realistisch machbar sei… 

Aktuell empfinde ich eine Unfähigkeit zur Prognose. Im einen Moment denkt man, das war es jetzt bis mindestens Frühjahr 2021 – und dann finden plötzlich im Juli und August in Italien (Nextones Festival) und Serbien (Lovefest) Großveranstaltungen statt, bei denen Leute aus dem eigenen Milieu auflegen. Ich bin gespannt, was die KünstlerInnen und VeranstalterInnen danach zu berichten haben und welche Ableitungen daraus folgen. 

In China haben ja die ersten Clubs wieder auf – Bedingung war und ist dort, dass in einer Stadt drei Monate am Stück keine Neuinfektion gemeldet werden darf… insofern haben wir noch einen weiten Weg vor uns. 

Thomas, Du sagst selbst Köln ist ein super Ort zum Arbeiten, aber zu Deiner Arbeit gehört der internationale Blick dazu. Du reist normalerweise unglaublich viel, triffst Dich mit spannenden Akteuren der Musik- und Clubszene und führst Interviews in NYC, Tokyo, London…

Ja, normalerweise bin ich zwischen 120 und 180 Tagen im Jahr unterwegs, das aktuelle Leben ist also gelinde gesagt ein anderes. Wobei es schlechtere Städte als Köln dafür gibt, zumal ich das Glück habe, eine schöne Wohnung in Rhein- und Parknähe zu haben, also viel Licht und Sportmöglichkeiten meinen neuen Alltag prägen. Aber die irre Menge an Videokonferenzen ist schon ein krasser Kulturschock im Vergleich zu meinem sonstigen Leben, das sich viel in Clubs und Konzertssälen und Bars abspielt und durch einen direkten Austausch mit anderen Menschen geprägt ist. 

Momentan schreibst Du über verschiedene Clubs weltweit und führst Interviews per Mail. 

Genau, wir haben vor ein paar Wochen die „Club der Ewigkeiten“-Serie auf Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop gestartet, der Website, die ich gemeinsam mit Linus Volkmann betreibe. Damit wollen wir die Teams hinter einigen unserer Lieblingsclubs und -festivals vorstellen, denn oft ist den BesucherInnen gar nicht bewusst, wieviele Menschen daran mitarbeiten, dass sie dort eine gute Zeit haben können. 

Wie geht es den AkteurInnen? 

Natürlich geht es allen nicht wirklich gut, sie haben ja größtenteils ihren Job verloren, und wenn nicht, dann zumindest ein für sie wichtiges kulturelles Epizentrum ihres Lebens. Aber die meisten verfallen in den Kurzinterviews und im Austausch gar nicht so sehr ins Jammern, sie heben die Vorzüge hervor, die eine gewisse Off-Zeit mit sich bringt, und verweisen zu Recht ja auch darauf, dass sie – trotz des ökonomischen Drucks und der psychischen Belastungen, die die Situation mit sich bringt – ja trotzdem ein privilegiertes Leben führen können, wenn man es mit anderen Regionen und aktuellen Entwicklungen auf der Welt abgleicht.   

Wie gehen sie mit der Situation seit dem Ausbruch der Covid-19 Krise um? 

Sie versuchen zumeist die Zeit produktiv für sich zu nutzen, Dinge zu machen, zu denen sie sonst nicht kommen. Und sie arbeiten mit den anderen in den jeweiligen Club involvierten FreundInnen an Strategien, die das Überleben ihrer Institution ermöglichen. Seien es Spendenaufrufe, Kickstarter oder Benefit-Auktionen, bei denen sie nicht selten auf die Unterstützung vieler KünstlerInnen zählen können. Denn egal ob DJ, ProduzentIn, ClubmitarbeiterIn oder TänzerIn, alle eint das Wissen um die Bedeutung des Clubs als sozialen Treffpunkt und der Sehnsucht, eine Wiedereröffnung gemeinsam begehen zu können.

Kann man aus den Antworten ein generelles, breiteres Meinungsbild ableiten? 

Hoffnung. Aber auch realistische Ängste, dass es kein schnelles Zurück gibt. Zumal sich alle einig sind, dass das danach anders aussehen wird. 

Was sind mögliche individuelle Aktionen, die den Clubs eingefallen sind? 

Die meisten streamen aus dem Club, um a) die Bindung zu ihren BesucherInnen aufrecht zu  erhalten, aber auch über Spenden ein paar Einnahmen zu genieren. Einige haben auch Fundraiser aufgesetzt und Benefit-Auktionen wie beispielsweise das Robert Johnson in Offenbach. 

Was wird sich ökonomisch ändern, was muss sich ändern?

Worin sich alle einig sind: Der Markt war zuletzt hinsichtlich Gagen doch sehr überhitzt, insofern rechnen alle mit einem gewissen Gagenrückgang (ich werfe mal 30 bis 50% in den Raum, je nach vorherigem Niveau) und einer Zunahme lokaler DJs und Liveacts auf den Lineups. Leider befürchten auch fast alle, dass wir eine hohen Anzahl an Clubs und Festivals verlieren werden – auch hier würde ich mal 30 bis 50% ansetzen. Die Clubs, die Miete zahlen müssen, die also ihr Objekt nicht besitzen, wird es wohl als erste erwischen. 

Wie sieht die Zukunft aus?  

Ich möchte mal Sterling Void zitieren: 

“I hope it’s going to be alright / I hope the music plays forever“  – auch wenn es sicherlich kein leichter Weg dahin wird. 

Series on international clubs in English

Serie “Club der Ewigkeiten” auf deutsch

Thomas Venker, Jahrgang 1971, ist Mitherausgeber und Co-Chefredakteur des Kaput-Magazin für Insolvenz & Pop. Bevor er 2014 Kaput gründete, war er 14 Jahre lang Chefredakteur des Intro Magazins – und verantwortete als Head Of Media Content der Hörstmann GmbH die Belange von Splash! Mag, Sneaker Freaker, Festivalguide, PutPat sowie die Festivalmagazine von Melt! und Berlin Festival.

Neben seiner journalistischen Arbeit lehrt er Musikjournalismus und KünstlerInnen-Marketing an mehreren deutschen Universitäten, unter anderem am Institut für Pop-Musik der Folkwang Universität der Künste, berät und co-kuratiert die Monheim Triennale, managt die Musikproduzentin und DJ Lena Willikens sowie des audiovisuellen Kunstperformance-Projekt Phantom Kino Ballett und betreibt die Kunstedition Edition Fieber. 

Sein Buch “Talking to Americans” (kaput Publishing / Ventil Verlag) erschien im Januar 2020. 

Thomas Venker, aufgenommen in Marrakesch, Marokko, 2019 von Sarah Szczesny.