Männlichkeits-Narrative & Corona – von Krieg und Empathie

In einer Artikelserie beschäftigt sich unsere Redakteurin Jennifer Fritz mit Narrativen, die in der Corona-Krise virulent sind, darunter Zukunftsnarrative, aber auch Storytelling-Mechanismen mit eskapistischen Motiven. Diesmal geht es um Narrative der Männlichkeit und vielfältige Gegenentwürfe.

In den letzten Wochen sieht man sie immer mehr: Die Warnungen und auch Fakten, dass uns die Corona-Krise in alte Rollenklischees zurück drängt und damit die Gewalt gegen Partner und Kinder zunimmt. Doch was hat das eigentlich mit Storytelling zu tun? Die Geschichten, die wir konsumieren, beeinflussen stark, wie wir unsere Umwelt sehen. Die typischen Rollen von Männern und Frauen, wie sie sich in Filmen, Serien, Büchern, den Nachrichten verhalten, bilden einen Gesamtkontext für unser Leben. In den letzten Jahren sah man vermehrt Diversität und veränderte Rollenbilder in diesem Kontext. Doch kommt jetzt der große Rückfall? Schauen wir doch mal, welche Klischee-Bingos wir in der Corona-Krise finden.

Mannsbilder führen Krieg gegen das Virus und sterben für ihr Land

Auffällig war der Rückfall in ein Klischee bereits zu Beginn der Corona-Krise. Emmanuel Macron sagte über Corona: “Wir befinden uns im Krieg”. Donald Trump erklärte sich kurzerhand zum “Wartime-President”. Boris Johnson schwor seine Nation auf eine zweite “Battle of Britain” ein und versuchte den berühmten “Blitz-Spirit” wachzurütteln. Die Liste der “großen Männer”, die dem Virus den Krieg erklärt haben, ist noch um ein Vieles länger. Und auf den ersten Blick erscheint es auch logisch, dass man in Krisenzeiten in diese kriegerische Haltung zurück verfällt. Man kennt das ja aus der Geschichte, und viele haben die Corona-Krise auch als die größte Krise seit dem 2. Weltkrieg bezeichnet. 

Also ist es richtig, dass die Regierungschefs ihre Bürger “zu den Waffen” rufen? Nein. Mal ganz davon abgesehen, dass es ein furchtbares Klischee ist, sich als großer Heerführer in der Krise zu bezeichnen, ist es noch dazu eher abträglich für den Gesellschaftsgeist. Simon Tisdall vom Guardian fasst das gut zusammen: Kriegsmetaphern versetzen die Bevölkerung in Alarmstimmung bis Panik. Sie fangen an zu hamstern oder, im Fall der USA, Waffen zu horten. Das Land verwandelt sich in Rekordzeit zu einem Pulverfass, in dem es nur einen Funken braucht, bis die Menschen anfangen, aufeinander zu schießen. 

Eine Kriegsrhetorik wie diese braucht auch immer einen Schuldigen. Das führt dazu, dass in einer Zeit, in der die Welt eigentlich eher zusammenrücken sollte, jeder dem anderen die Schuld an der Krise in die Schuhe schiebt. Die USA sagen, es war China, Russland und China sagen, es waren die USA, und Verschwörungstheoretiker haben sich Bill Gates als Schuldigen ausgesucht. Globale Krisen sollten global gelöst werden – das aber rückt durch die Kriegsrhetorik in weite Ferne. 

Und im Zuge der Kriegsrhetorik der “großen Männer” ist auch noch eine besonders interessante Unterform des “Heldentods” aufgetaucht. Glenn Beck, streng konservativer Radiotalker aus den USA, erklärte in seiner Radioshow den US-Amerikanern: “Ich würde lieber sterben, als mein Land [durch den ökonomischen Shutdown] zu töten.” 

Das heroische Opfer ist Teil einer langen Tradition in den Medien, in der der Tod als Rahmen für Männer dient, um ihre Tapferkeit, ihre Überzeugungen, ihre Liebe und ihre Männlichkeit zu beweisen. 

Pop Culture Detective – How The Last Jedi Defies Expectations About Male Heroes

Hier paart sich das “heroische Opfer” interessanterweise mit dem Turbokapitalismus. Es entwickelt sich daraus eine Rhetorik, die versucht, die unzähligen “Todesopfer”, die es durch die unkontrollierte Verbreitung des Coronavirus in den USA gibt, in eine Reihe mit den Helden, die im Krieg gestorben sind und für ihr Land sterben, zu stellen. Wenn man bedenkt, dass die Zahl der Corona-Toten gerade die der Toten im Vietnamkrieg auf amerikanischer Seite übersprungen haben, ist das ein interessanter Ansatz. Nur dass Menschen hier nicht “freiwillig” in einen Krieg ziehen, sondern für ihre Wirtschaft sterben müssen. Und sind dann eigentlich nur die Männer, die für das Land dann sterben, die echten Kriegshelden? Fragen über Fragen, die hier zurückbleiben. 

Eine Abwandlung davon ist übrigens die neu ausgebrochene Debatte, ob Gesichtsmasken der Männlichkeit schaden. Vor allem in den USA, aber nicht nur dort, beobachtet man einen Trend dazu, Masken nicht zu tragen, weil es “unmännlich”, “schwach” oder “verweiblicht” wirken würde. Ganz vorne dabei ist natürlich President Donald Trump, der keine Gesichtsmaske trägt, weil er befürchtet, dass es seinem Image schaden könnte. Jessica Valenti zeigt in ihrem Artikel auf, dass das leider kein neues Problem ist (auch wenn wir dachten, dass wir das in unseren modernen Zeiten vielleicht überwunden hätten): Schon während der Spanischen Grippe musste ein Narrativ für diese Gruppe Männer gefunden werden, und es wurde eine Kampagne entwickelt, die Hygiene als modern und patriotisch darstellt. 

Eine andere Wurzel der Skepsis gegenüber diesen Gesichtsmasken könnte die unbewusste Verbindung zu “orientalischen Gesichtsverhüllungen” sein, wie „Geschichte der Gegenwart“ anmerkt. 

Wo auch immer diese Skepsis gegenüber den Gesichtsmasken am Ende herkommt, sie wird die Ausbreitung des Virus begünstigen. Und wer weiß, vielleicht stirbt am Ende dann doch der ein oder andere “Übermann” den Heldentot für seine Wirtschaft oder seine Männlichkeit. 

Die Männlichkeitsrhetorik von Krieg und Feinden, von Heldentot und Opfern steht in einer langen Tradition. Doch gerade in der Corona-Krise sind sie eher schädlich als hilfreich: Zusammenhalt, Solidarität und Empathie sind die Dinge, die eine globale Krise wie diese bräuchte. Nicht das sich auf die Brust Trommeln und Zusehen, wie Menschen unnötig sterben. 

Ist in der Krise Platz für mehr als martialische Klischees?

Schauen wir doch zuerst einmal, welche alternativen Narrative man als Staatsmann wählen kann, um über die Corona-Krise zu kommunizieren. Trotz früherer Fauxpas in Sachen Kommunikation scheint Justin Trudeau, Premierminister von Kanada, eine ganz andere Linie als der große Nachbar im Süden zu präferieren: 

“Together we can make sure that everyone has the support they need. This isn’t an easy time. But it’s going to get better. And until it does, let’s focus on the steps ahead of us. Stay home to protect your health and your families, but also to lift the load on our doctors and nurses. Ask how you can help out an elderly neighbour. And make sure that you are taking time for yourself to rest and do what you need to stay positive.”

Justin Trudeau – Facebook Adress March 19, 2020

Trudeau stellt sich als Staatsmann vor die Kamera und macht klar, dass es in Ordnung ist und sogar erwünscht, dass alle zuhause bleiben. Die Message ist klar: Ja, helft euch gegenseitig wo nötig, aber bleibt zuhause, um alle zu schützen und die zu unterstützen, die die eigentlichen Helden der Krise sind. Helfen ist keine Schwäche, sondern eine Stärke für die ganze Nation. Vorbildliche Krisenkommunikation. Zehn Punkte für Kanada. 

Ein weiteres Beispiel für staatsmännisches Auftreten in der Krise, mit Empathie und Wärme, ist Barack Obamas Video

Und jenseits der martialischen Klischees bewegen sich auch die vielen Frauen, die in der Krise ganz vorne mitarbeiten. Sie zeigen, wie man mit Empathie, cleveren Lösungen und Resilienz durch die Krise steuert. Zuerst fallen hier die Staatsfrauen dieser Welt positiv auf: die Artikel dazu klingen euphorisch bis defensiv.

Ich kommentiere das einfach mal mit den Worten von Kameron Hurley: Sagen wir es einfach so: Wenn Sie glauben, dass es etwas – irgendetwas – gibt, was Frauen in der Vergangenheit nicht getan haben, dann irren Sie sich. […] Aber keines dieser Dinge passt zu unseren Narrativen. Worüber wir sprechen wollen, sind Frauen in einer Eigenschaft: in ihrer Eigenschaft als Ehefrau, Mutter, Schwester, Tochter eines Mannes.  Das sehe ich immer wieder in der Fiktion. Ich sehe es in Büchern und im Fernsehen. Ich höre es in der Art, wie die Leute reden.

Zum ersten Mal in der Weltgeschichte (sofern mir das bekannt ist) spielen so viele weibliche Führungskräfte eine (Haupt)Rolle während der Krise. Als Historikerin bin ich mir bewusst, dass Frauen auch während der Weltkriege und in der Zeit danach eine wichtige Rolle spielten. Doch ich wage zu behaupten: Noch nie waren es so viele, die so medial sichtbar waren.

Was bedeutet das für Narrative? Hoffentlich bedeutet das, dass wir in den Geschichten, die wir von der Corona-Krise in einigen Jahren uns erzählen werden, nicht erleben, dass die Frauen, die uns hierdurch geholfen haben, einfach weggelassen werden. Dass wir nicht mehr nur die “Great-Man”-Narrative sehen, sondern diverse Rollen für Männer und Frauen in einer Krise, die unsere moderne Gesellschaft mehr oder weniger unvorbereitet getroffen hat.

Und denken wir daran, wenn wir über Frauen und Männer sprechen, als ob es sich um unveränderliche, irgendwie “historische” Kategorien handelt, dass es diejenigen gibt, die immer in den Nahtstellen zwischen den Dingen gelebt und gekämpft haben.

Kameron Hurley – We have always fought

Deshalb ist es auch vielen Künstlern egal, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, wenn sie die “Helden” der Corona-Krise zeigen. Zwei besonders schöne Beispiele, die “Alltagshelden” als “Superhelden” zeigen, sind von MJ Hible und Milo Manara:

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Und mit diesem vielseitigen Bild soll dieser Artikel auch zum Ende kommen. Denn eine Krise, die weltumspannend ist, aber kein Krieg, gibt uns die Chance, weg zu kommen von martialischen Klischees und hin zu einer diversen, farbenfrohen Erzählung über die vielen Wege, in der man in der Krise eine “Heldenrolle” spielen kann. Das es genauso heldenhaft ist, sich um Menschen zu kümmern, wie an einer Supermarktkasse zu stehen oder einen Staat (gut) durch die Krise zu führen. Vielleicht, ein utopischer Gedanke, gelangen wir sogar an einen Punkt, an dem es uns nicht mehr verwundert, wenn Menschen jeglicher Hautfarbe oder jeglichen Geschlechts tragende Rollen in diesen Narrativen spielen. Denn es ist eine globale Krise, die vor niemandem halt macht und alle betrifft. Also sollten auch alle sich in den Narrativen wiederspiegeln. 

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  1. Pingback: Narrative von Schuld und Verschwörung - Surviving Corona Crisis

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