„Wenn die Anderen nicht geschützt werden, ist mein Leben auch gefährdet.“

Die international bekannte Digitalkünstlerin Tamiko Thiel über Ängste, Hoffnungen und Prognosen in der Corona-Krise.

Tamiko Thiel mit ihr Augmented Reality Installation “Unexpected Growth” (2018, mit /p), auf der Terrasse des Whitney Museums New York. Photo: Amy Youngs

Es ist ein Donnerstag in Woche fünf des deutschen Corona-Lockdowns. Ich sitze vor meinem Rechner in meinem Arbeitszimmer und mir (virtuell) gegenüber an ihrem Schreibtisch sitzt die Digitalkünstlerin Tamiko Thiel. Ihre Werke werden unter anderem vom Museum of Modern Art (MOMA) in New York ausgestellt. Mit ihren amerikanisch-deutsch-japanischen Wurzeln und dem Wohnort in München ist Sie auf der Ganzen Welt zu Hause. Auch während der Corona-Krise ist die Künstlerin nicht untätig, im Gegenteil, denn Krisen sind auch Chancen. Am Ende des Artikels findet sich deshalb auch schon ein erstes, in der Corona-Krise entstandenes, Digital-Kunstwerk und eine Anleitung, wie man es sich nach Hause holen kann. 

Was hat Dich in der Krise bisher am meisten überrascht?

Mich überrascht wenig, weil ich die Menschheit einerseits für extrem altruistisch und kooperativ und andererseits für sehr selbstsüchtig und egomanisch halte. Und (lacht) dementsprechend haben die Menschen auch gehandelt.    

Was mich, wie alle anderen wahrscheinlich, überrascht hat, ist wie schnell Corona um die Welt gegangen ist. Ende Februar war ich noch in Luxemburg, um an einem Projekt mitzuwirken. Und damals habe ich noch nicht gedacht, dass ich in zwei oder drei Wochen das Haus nur noch unter strengen Auflagen verlassen darf (lacht). 

Es war sicher jeder darüber überrascht. Oder nicht?

Es ist schon klar, dass die Fachleute das wussten. Wie auch bei der Klimakrise. Da wissen die Fachleute schon seit Jahrzehnten, dass wir mit unserem Verhalten gegen die Wand fahren. 

Für mich als Amerikanerin ist dieses Jahr natürlich auch sehr wichtig wegen der Wahl im November. Wir hoffen, dass wir Trump dann endlich loswerden. Ausgerechnet jetzt kommen die radikalsten Punkte von Elisabeth Warren und Bernie Sanders: dass jeder ein Recht auf eine Krankenversicherung, ein menschenwürdiges Leben und ein menschenwürdiges Einkommen haben soll. Für mich ist dies das Positive dieser schrecklichen Krise. Auch die Amerikaner verstehen, dass es nicht mehr darum geht, dass es nur einem selbst gut geht. Ich bin von anderen abhängig, die mein Essen ernten, die mein Essen bereitstellen. Und wenn die Leute in prekären Berufen krank werden, können sie mir mein Essen nicht in meine „glorreiche Quarantäne“ liefern. Wenn die Leute, die den Spargel und die Erdbeeren im Feld ernten sollen, erkranken, wenn die Pflegekräfte die so schlecht bezahlt werden, erkranken oder sterben, dann geht es mir auch nicht gut. Ich hoffe, dass die Leute, die immer glauben, „solange es mir gut geht und solange ich Geld habe, ist es mir wurscht, was mit den anderen passiert“, daraus eine Lehre ziehen. Und das nicht nur für ein Jahr. 

Wenn die Leute, die den Spargel und die Erdbeeren im Feld ernten sollen, erkranken, wenn die Pflegekräfte die so schlecht bezahlt werden, erkranken oder sterben, dann geht es mir auch nicht gut.

Tamiko Thiel

Ich freue mich sehr, dass ich das Glück habe, in Deutschland Leben zu können, wo eine vernünftige Regierung, von einer Wissenschaftlerin geleitet wird. Auch Angela Merkel hat nicht schnell genug auf die Krise reagiert. Es gibt Wissenschaftler, die sagen: „Ich hatte schon im Januar gesehen, dass es eine Epidemie wird und ich hatte damals schon Informationen über das Virus, aber sie haben sich nicht dafür interessiert“. Aber man hat es zumindest nicht verleugnet, sondern gesagt: „Da muss man was machen, man muss auf die Fachkräfte hören“. Nicht wie Trump: „Ich weiß sowieso alles besser, und die Leute bewundern, dass ich so viel weiß, ohne es studiert zu haben.”   

Was hilft dir persönlich dabei im Lockdown nicht durchzudrehen?

Die Arbeit (lacht). Es gab eine interessante Phase ganz am Anfang, als ich und mein Mann Tag für Tag die Statistiken angeschaut haben und gemerkt haben: „Hoppla, auch in Deutschland ist es exponentiell“. Alle zweieinhalb Tage haben sich die Zahlen verdoppelt. Und wenn man das einfach fortsetzt, dann kann man den Tag sehen, an dem sämtliche 80 Millionen in Deutschland infiziert sein werden, wenn nichts geschieht. Und wir haben für uns gesagt, wir müssen jetzt, eine Woche bevor Bayern das offiziell gemacht hat, einen persönlichen Lockdown machen. Meine Arbeit geschieht sowieso zu Hause in meinem Schlafzimmer vor meinem Computer. Und daran hat sich nichts geändert. 

Ich habe zum Beispiel ein Projekt in San Jose in Kalifornien, und das müsste ich sowieso über das Netz betreuen. Das ist jetzt nichts Anderes. Und Gott sei dank werde ich für dieses Projekt auch bezahlt.     

Und dann im Bereich Augmented Reality: Ich bin jetzt dabei, ein Stück zu machen das man dann auch in aller Welt anschauen kann. Ich kann auch, wenn man nicht in eine Galerie oder ein Museum kommt, meine Arbeit trotzdem machen und zeigen. Die Leute, die Geräte zu Hause haben, können sich das anschauen. Insofern: diese Kontinuität hat mir sehr geholfen. Das Leben geht einfach weiter. 

Ich gehe, wenn das Wetter schön ist ein, zwei Stunden am Tag spazieren. Das habe ich nie gemacht. Immer mit dem Gefühl „morgen könnten Sie sagen, dass man gar nicht mehr raus darf.“ Ich bin jetzt über diesen Punkt hinweg, aber bis vor kurzem hatte ich das Gefühl, dass ich, so lange ich es kann, raus gehen sollte. Ich wohne unweit vom Englischen Garten und vom Luitpoldpark. Mir Zeit zu nehmen, gemeinsam zu essen und spazieren zu gehen in der freien Natur, das hilft sehr viel. 

Meine Mutter lebt in Seattle, das sind neun Stunden Zeitunterschied. In einem guten Jahr sehe ich sie vielleicht ein, zwei Mal. Jetzt kann ich nicht nach Seattle fliegen. Ich müsste zwei Wochen in Quarantäne verbringen, wenn ich dort hinfliege. Ich mache mit meiner Familie dann am Sonntag, so um 6 Uhr unserer Zeit, eine Familien-Facetime. Und wir machen dann auch Kaffeekränzchen mit Freunden, Happy Hour mit Freunden und Abendessen mit Freunden, je nachdem, wann man Zeit hat. Wir haben schon gewitzelt, dass wir uns jetzt öfter sehen als vorher. Wir sehen jetzt eigentlich mehr Leute als vorher, weil es uns bewusst ist, was für ein kostbares Gut es ist, dass wir uns überhaupt mit anderen Freunden und Familien austauschen können. Das hilft mir sehr.

Wir haben schon gewitzelt, dass wir uns jetzt öfter sehen als vorher. Wir sehen jetzt eigentlich mehr Leute als vorher, weil es uns bewusst ist, was für ein kostbares Gut es ist, dass wir uns überhaupt mit anderen Freunden und Familien austauschen können. Das hilft mir sehr.

Tamiko Thiel

Wenn ich im Park spazieren gehe, denke ich oft an die Krankenpfleger und Ärzte. Ich habe Freunde, die Ärzte sind. Eine Freundin ist Ärztin in Verona, die für eine bestimmte Firma gearbeitet hat. Aber sie ist Spezialistin für Infektionskrankheiten, Epidemiekrankheiten und hat das Gefühl gehabt, sie musste einfach helfen. Und helfen heißt in diesem Fall: das eigene Leben zu riskieren. Mir ist jeden Tag sehr bewusst, dass ich in einem wahnsinnigen Luxus lebe, dass ich Arbeit habe, dass ich Zeit habe, dass ich das Haus verlassen darf, dass ich in der Natur spazieren gehen kann, dass ich das gute Gefühl habe, wenn ich aufpasse, werde ich nicht krank. Und alle Leute, die medizinische Berufe oder gering bezahlte, “essenzielle” Berufe haben, die die Lieferketten für unsere Versorgung aufrechterhalten – sie haben diese Freiheit nicht. Das muss von der Politik anerkannt und belohnt werden. Und sie müssen geschützt werden. Von einem ganz selbstsüchtigen Standpunkt könnte man sagen: Wenn diese Leute nicht geschützt werden, ist mein Leben gefährdet. Das ist mir jeden Tag klar, und ich hoffe dass es allen jeden Tag klarer wird.                  

Manche Menschen schauen ja gerade Netflix leer oder entdecken Bücher wieder. Welche Serie / welches Buch / welcher Film hilft dir durch diese Zeit?

Ich hab nicht so viel Zeit. Ich habe dauernd irgendwelche Termine. Ich bin wahnsinnig im Verzug mit einem neuen Kunstwerk. Ich arbeite in allen meinen Projekten weniger als vorher, ich habe weniger Zeit. 

Wir haben aber angefangen, „Babylon Berlin“ anzuschauen. Wir haben die erste Staffel hinter uns. Und weil ich so viel Abendtermine habe, mit Freunden und Familie und Projekten an der Westküste, ist es schwierig, am Abend etwas zu schauen. 

Und da ist ein Stapel Bücher neben meinem Bett. Ich versuche, mich schon ein bisschen zu zwingen die Zeit zu finden. Aber von Langeweile und wie fülle ich meine Zeit kann bei mir nicht die Rede sein. Ich weiß das sehr zu schätzen. Und ich weiß auch, dass ich diesen Lockdown viel besser als viele andere wegstecken kann. Freunde von mir mit Kindern müssen diese dann den ganzen Tag unterhalten und schulen und haben keine Zeit für sich. 

Wovor hast Du Angst?

Dass in manchen Ländern, unter anderem in den USA, die autoritären und nationalistischen Kräfte überhand gewinnen. Dass man sagt „Grenze dicht, Fremde raus“. Das ist gerade sehr interessant in Singapur zu beobachten. Singapur hatte bisher die Sache sehr gut im Griff. Ich habe Freunde da, ich hatte 2014 und 2015 eine Gastprofessur dort. Unsere Freunde sagen, an der Uni wird man zwei Mal am Tag getestet, ob man Fieber hat. Und jetzt steigen die Zahlen wieder. Und ich habe gerade gelesen, was ich befürchtet habe: Eine sehr große Anzahl der Arbeitskräfte, die wirklich die billigste und dreckigste Arbeit machen, sind Tamilen aus Indien. Es gibt für alle in Singapur eine Gurtpflicht, nur für diese Arbeiter nicht. Die werden rumgekarrt auf einer offenen Ladefläche und haben überhaupt keine Sicherung. Sie werden natürlich in Billigunterkünften dicht an dicht untergrebracht. Ich habe keine Ahnung ob die überhaupt krankenversichert sind. Und jetzt, genauso wie in den Flüchtlingslagern, grassiert Corona. Das macht mir Angst.

Und ich habe eine Freundin in New York, die seit vier Wochen die Wohnung nicht mehr verlassen hat. Mit ihr rede ich darüber, was die Gesellschaftsformen der Zukunft sind. Eine Tendenz, angesichts der Klimakrise, war: Wir müssen dichter leben, wir dürfen der Natur nicht zu viel Raum wegnehmen. Besonders in den Staaten sagt man aber stattdessen: „Am Besten hat jeder nicht nur ein Haus, sondern auch ein paar Hektar für sich, damit er sein eigenes Gemüse anbauen und Viecher halten kann.” Ein autarkes Leben. Und der öffentliche Verkehr ist scheiße. Jeder muss ein eigenes Auto haben. Ich habe Angst, dass in Amerika, wo das möglich ist, alle Ideen für Nachhaltigkeit jetzt einfach vernachlässigt werden, weil es jetzt gefährlich ist. In Europa ist das schwieriger, weil man schon dichter wohnt und öffentlichen Verkehr nutzt. Wir gegen die Welt – das macht mir wirklich am meisten Angst. Nicht für mich, ich bin in Deutschland gut geschützt. Aber was heißt das in Zukunft für Staatsformen? Für Gesellschaftsformen? 

Eigentlich müsste die ganze Welt jetzt zusammenarbeiten, aber das macht sie nicht. Stattdessen werden Gesichtsmasken geklaut. Alle reichen Nationen klauen die Schutzausrüstung von den Entwicklungsländern. Und sagen dann „Tut uns leid, unserer Wirtschaft geht es so schlecht, wir können sowieso nicht helfen. Aber wir klauen euch dann derweil alles weg, was wir klauen können.“

Eigentlich müsste die ganze Welt jetzt zusammenarbeiten, aber das macht sie nicht. Stattdessen werden Gesichtsmasken geklaut. Alle reichen Nationen klauen die Schutzausrüstung von den Entwicklungsländern.

Tamiko Thiel

Genau in einer Zeit, in der die Welt zusammenhalten soll, gewinnt einfach der Stärkste auf Kosten der anderen.      

Und was gibt Dir in der Corona-Krise Hoffnung?

Meine Hoffnung ist, dass viele Leute verstehen, dass man nicht komplett autark leben kann, dass wir zusammen arbeiten müssen. Wir müssen mit den Nachbarn, mit den anderen in unserem Land und auch mit anderen Ländern zusammenarbeiten. Das kann jetzt so oder so ausgehen. Werden wir kooperativer werden oder geht es wirklich zurück zu „der Stärkste gewinnt und die Schwächeren werden erbärmlich sterben”?

Wie stellst du dir die Welt 2021 vor? 

Wenn die Welt wieder geöffnet wird, dann nur langsam. Das Coronavirus wird dann immer noch bei uns sein. Dies wird bis mindestens Anfang des Jahres dauern. Ein Freund hat den Eindruck, es könnte schon im Februar 2021 einen Impfstoff geben.

Aber es hat auch mehrere Jahre gedauert, sich von der Wirtschaftskrise 1929/30 und dem Weltkrieg zu erholen. Ich denke, diese Spuren werden wir dann auf jeden Fall 2021 spüren, wahrscheinlich bis 2025 oder so. Peu a peu wird wieder eröffnet werden.

Bei mir sind dieses Jahr die Festivals ausgefallen. Ich sollte jetzt in New York sein und ein Stück beim Tribeca Film Festival zeigen. Mit einem anderen Stück haben wir auf das Filmfestival in Cannes zugesteuert. Beide Festivals wurden abgesagt. Ich hoffe, dass nächstes Jahr die Festivals stattfinden können – aber unter welchen Bedingungen? Die verschiedenen Länder werden verschiedene Regeln haben. Es wird nicht so leicht gehen. 

Man muss verstehen: Wenn ich mein Leben wie bisher weiterführen will, dann müssen die Balinesen auch alle den Impfstoff haben.

Tamiko Thiel

Auch wenn der Impfstoff da ist, wird der Impfstoff nicht gleich verteilt über die ganze Welt werden. Die armen Länder werden ihn am Ende bekommen. Aber wenn du dann in tropische Länder fahren willst, um Urlaub zu machen, wie kannst du das machen, wenn die Leute keinen Impfstoff haben? Man muss verstehen: Wenn ich mein Leben wie bisher weiterführen will, dann müssen die Balinesen auch alle den Impfstoff haben. Wenn ich in Kenia Safari machen will, müssen auch die Masai den Impfstoff bekommen. Spätestens wenn ich sage „Juchu, ich darf wieder reisen“, muss mir klar sein, dass ich sicher sein muss, dass das Zimmermädchen, das mein Zimmer putzt, den Coronavirus nicht in sich trägt. Oder bin ich so immun, dass es mir egal ist? 2021 werden wir uns noch mit dieser Frage konfrontieren müssen. 

Was lernst du ganz persönlich aus dieser Krise?

Die Krise verstärkt Tendenzen, die ich schon vorher hatte. Mit 16 habe ich zum ersten Mal gedacht: Wenn ich in den nächsten 30 Sekunden sterben würde, habe ich mein Leben so gelebt, wie ich wollte, habe den Pfad selbst gewählt und bin dorthin gekommen, wohin ich hinwollte. Jetzt werde ich bald 63, und ich habe mir immer wieder diese Frage gestellt. Wenn ich antworten kann: „Ich habe mein Leben so gelebt und ich bedauere nichts“, dann ist das okay. Ich mache das vielleicht jeden Tag jetzt. 

Ah es hat geklingelt. Das ist sicher meine neue Oculus Quest. Wir hören uns bald…


Suspended Spring – Tamiko Thiel

Tamiko Thiel wurde als eine von 100 Künstlern*innen gefragt, ein Kunstwerk unter dem Titel ArtsForSpring für die Stiftung Nantesbuch zu erstellen.

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Kurzanleitung: 

  1. App “ARpoise” herunterladen.
  2. App öffnen.
  3. Links in der Liste sollten 1-3 Kunstwerke von Tamiko Thiel zu finden sein.
  4. Anklicken und genießen. 

Tamiko Thiel freut sich über Screenshots davon, wie Ihr ihre AR-Kunstwerke verwendet. Ihre E-Mail findet Ihr unter anderem auf LinkedIn.