Was Corona mit unserer Freiheit macht – fünf Thesen für eine Zeit danach

Von Dr. Stefan Karcher

Impfzwang, Repressionsbehörden, Weltverschwörung: die da oben gegen „uns“! Die Corona-Krise zeigt wieder einmal mehr als deutlich, welche Ideen und Gedanken in den Köpfen um uns kreisen. Brechen sie – getrieben von der Krise – hervor, geht es oft um nichts weniger als um den Schutz der Freiheit aller. Ein großes Wort, verbunden mit einer großen Aufgabe!   

Wie lässt sich eigentlich ein Grundwert des gesellschaftlichen Zusammenlebens schützen, wenn offensichtlich jede*r etwas Anderes damit verbindet? Bei der Freiheit reicht das Spektrum von einer „des-eigenen-Glückes-Schmied“-Mentalität hin zum unbedingten Drang nach Selbstverwirklichung und dabei dreht sich das Verständnis stets um die Begriffe „Eigenverantwortlichkeit“ und „Unabhängigkeit“. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der alle durch Isolation, „Social Distancing“ oder Quarantäne am eigenen Leib spüren, wie der Staat mit weitreichenden und wichtigen Maßnahmen zum Infektionsschutz (deren Konsequenzen noch kaum absehbar sind) die gewohnten Freiheiten einschränkt, bin ich ins Grübeln gekommen: Ist das, was so viele Menschen „Freiheit“ nennen, wirklich echte Freiheit? 

Die folgenden „Fünf Thesen über Freiheit“ sollen zum Nachdenken anregen, wie wir unsere gewohnten Freiheiten wegen und nach der Pandemie neu interpretieren und ausleben wollen. 

1. Es gibt kein Recht darauf, zu tun und zu lassen, was man will 

Es ist April 2020. Die meisten Menschen in Deutschland wissen seit etwa vier Wochen sehr genau, was sie eigentlich wollen: raus! Denn der Lebensraum vieler ist sehr klein geworden und beschränkt sich auf die eigene Wohnung, mit etwas Glück noch auf einen Balkon oder Garten. Manche haben in den letzten Tagen schmerzlich erfahren, was sie zum Leben wirklich brauchen, bei anderen stellt sich der „Trotzmodus“ ein, der sich in wütenden Protesten entlädt: „Ich will aber!“  

Es ist ein großer Irrtum unserer freiheitlichen Gesellschaft, zu meinen, dass Freiheit gleichbedeutend damit ist, tun und lassen zu können, was man will. Das einzusehen ist besonders leicht, wenn man über Straftaten nachdenkt. Selbst wenn es gewollt ist, gibt es kein Recht darauf, anderen Menschen Schaden zuzufügen. Im Gegenteil: Mit Absicht, willentlich anderen zu schaden, wird sogar härter bestraft. Warum ist das bei Mord und Totschlag leicht einzusehen, aber nicht dann, wenn man zum Schutz anderer eine Maske im Supermarkt tragen soll? Gegen den sogenannten Mund-Nasen-Schutz kursieren sogar die krudesten Argumente im Internet

Ein Grund für dieses Phänomen mag sein, dass der Schaden für andere, der beim Ausleben der eigenen Freiheit im Laissez-faire-Stil entsteht, manchmal erst später (oder sogar zu spät) sichtbar wird. 

2. Freiheit hat Spielregeln 

Bereits den Vordenkern des Liberalismus und in der Folge auch den Befürwortern des Laissez-faire-Prinzips war klar, dass absolute Freiheit für alle nicht möglich sein kann. Zur Herstellung der größtmöglichen Freiheit für viele/die meisten/für alle ist ein Regulativ zum Schutz aller notwendig. Über den Rahmen, den sich eine Gesellschaft gibt und in dem die Ausübung von Freiheitsrechten begrenzt ist, lässt sich philosophisch und staatstheoretisch natürlich trefflich streiten. Im Wesentlichen ist der Rahmen aber immer von einer mehr oder weniger weiten Auslegung der „Menschenrechte“ gekennzeichnet.  

Im Grundgesetz setzt „die Würde des Menschen“ die Grenze der Freiheit; in jedes weitere Grundrecht, das die Freiheiten definiert, kann durch ein Gesetz eingegriffen werden. Genau das durchlebt jede*r Einzelne gerade in seinem persönlichen Lebensbereich auf andere Weise. Für alle gilt aber gleichermaßen, dass nur mit solchen Einschränkungen es möglich ist, den Erhalt der Grundrechte aller zu gewährleisten und auf lange Sicht das freiheitliche Zusammenleben in der Gesellschaft sicherzustellen.  

Freiheit ist damit kein absoluter Zustand eines einzelnen Menschen, sondern eine Ansammlung von Rechten und Pflichten, die eine Gemeinschaft festlegt, um die größtmögliche Freiheit aller zu ermöglichen und Schaden für Einzelne abzuwenden.  

3. Freiheit entsteht in einem Aushandlungsprozesse zwischen „mir“ und „den anderen“ 

Jede einzelne Person muss sich also die Frage stellen: „Ist das wirklich Freiheit, wenn ich durch eine ‚freie‘ eigene Handlung, die Freiheit einer anderen Person einschränke?“ Nehmen wir für einen Moment das Argument der Impfgegner, dass eine befürchtete „Corona-Zwangsimpfung“ das (Freiheits-)Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzt (was – höchstrichterlich festgestellt – vollkommen richtig ist). Tatsächlich ist das „Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ als Grundrecht in Art. 2 Abs. 2 des Grundgesetzes gesichert. Es steht aber in direktem Zusammenhang mit dem sehr wichtigen Satz: „Die Freiheit der Person ist unverletzlich“. Lassen wir für einen Moment außer Acht, dass in dieses Recht durch ein Gesetz eingegriffen werden kann und setzen beide Sätze als absolute Norm eines freiheitlichen Lebens nebeneinander: Was geschieht dann in einer Situation, in der der Schutz meiner eigenen körperlichen Unversehrtheit die Freiheit einer anderen Person verletzt? 

Nicht zu impfen, bedeutet für eine einzelne Person körperliche Unversehrtheit, führt aber zu einer gesundheitlichen Gefahr für alle anderen. Zu impfen ist ein Eingriff, der mit persönlichen gesundheitlichen Risiken verbunden ist, der aber die körperliche Unversehrtheit aller anderen schützt. Dasselbe Dilemma ließe sich mit Schutzmasken, Abstandsregeln und so vielen weiteren „Corona-Maßnahmen“ illustrieren, aber immer mit dem gleichen Ergebnis: Freiheitsrechte gelten nicht ausschließlich für „mich“ oder „die anderen“, sondern für alle; und „ich“ bin auch „eine*r von allen anderen“! Die Schwierigkeit entsteht dort, wo die Einschränkung der individuellen Freiheit abgewogen werden muss mit dem Schutz der Freiheit aller. 

Der Aushandlungsprozess zwischen individueller Freiheit und dem Schutz der Freiheiten aller ist auch juristisch nicht immer eindeutig zu klären, da manchmal die Verhältnisse einzelner Rechtsnormen gegeneinander abgewogen werden müssen. Bekomme „ich“ in einem Einzelfall aber Recht, entbindet das nicht von der Verantwortung und Möglichkeit, freiwillig auf die Ausübung dieses Rechts zu verzichten, um anderen Freiheiten zu ermöglichen, die „ich“ durch mein Handeln beschränken würde. 

4. Freiheitliche Gesellschaften sind geprägt von Unfreiheiten und Abhängigkeiten 

Dass in der Abwägung zwischen individueller Freiheit und dem Schutz der Freiheit aller durch Einschränkungen Unfreiheiten entstehen, mag unmittelbar einleuchten und führt gelegentlich zu langwierigen juristischen Auseinandersetzungen. Berühmt geworden ist das sogenannte „Reiten im Walde“-Urteil von 1989, und auch die Corona-Krise hat mit der Einschränkung von Gottesdiensten und religiösen Versammlungen die ersten Entscheidungen hervorgebracht.  

Doch all diese größeren und kleineren Eingriffe in Grundrechte sind nichts gegen die Abhängigkeiten, die viele Arbeitnehmer*innen und Selbstständige gerade erleben. Die Grundidee des Liberalismus, sich von Fremdbestimmung durch staatliche Autoritäten zu lösen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, hat neue Abhängigkeiten erzeugt. Ein selbstbestimmtes Leben ist heute ein einkommensabhängiges Privileg. Wie kann das Recht auf eine freie Entfaltung der Persönlichkeit (soweit nicht die Rechte anderer verletzt werden) ausgelebt, wie von Reisefreiheit Gebrauch gemacht werden, wenn der Jobverlust, Kurzarbeit, Auftragsmangel und Existenzängste die Abhängigkeit der Freiheit vom sozialen Status und dem Einkommen so ungeschminkt aufdecken?  

Kann eine Sammlung von Rechten, die die Freiheit beschreiben sollen, aber von Einzelnen unverschuldet aus finanziellen oder gesundheitlichen Gründen nicht (mehr) ausgeübt werden können, wirklich als Freiheit verstanden werden? 

5. Freiheit heißt, sich in der Verantwortung für andere abhängig zu machen  

An der Stelle, an der „Freiheit“ als eine Sammlung von Rechten (und Pflichten) verstanden wird, die sich eine Gemeinschaft selbst gibt (oder freiwillig auferlegt?), entsteht eine Verpflichtung dazu, Freiheit nicht mehr nur einzufordern oder zu schützen, sondern sie zu gewähren und herzustellen. Damit ist jede*r Einzelne nicht mehr selbst verantwortlich für das eigene freiheitliche Leben, sondern dafür, dass alle anderen frei leben können. Das eigene freiheitliche Leben wird folglich in die Verantwortlichkeit aller anderen abgegeben. In seiner Perfektion würde ein freiheitliches Zusammenleben dann entstehen, wenn Menschen nicht mehr die eigene Entfaltung einfordern und ausleben, sondern jede*r dem/der anderen die eigene Entfaltung zu gönnen lernt. 

Folgt aus dieser Thesenreihe nun, dass alle Meinungen, alle politischen Positionen plötzlich zulässig sind und – so absurd, abwegig und menschenfeindlich sie auch sein mögen – ertragen werden müssen? Sicher nicht! Aber leider ist zu befürchten, dass das Ideal eines Lebens in Freiheit „für alle“ in den Bereich des Utopischen fällt. Die Corona-Krise könnte uns daran erinnern, dass alle, die ihre Freiheitsrechte einfordern, auch dazu bereit sein müssen, darüber nachzudenken, wie sie trotz ihrer Forderung die Freiheitsrechte der anderen nicht verletzen. 

Dr. Stefan Karcher ist PostDoc und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Im Rahmen seiner Dissertation beschäftigte er sich unter anderem mit dem kirchlichen und politischen Liberalismus im 19. Jahrhundert. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte im Bereich „Digital Humanities und Theologie“ liegen auf der Untersuchung von religiöser Kommunikation im digitalen Raum. 

Persönliche Webseite: www.stkarcher.de  
Kontakt: mail@stkarcher.de | Twitter: @streka  

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