The Show might go on

Filmfestivals und Kinos in turbulenten Zeiten.

Von Gerhard Maier

Filmfestivals und Kinos sind hart getroffen von der gegenwärtigen Situation: Eine unsichere Lage bis hinein in 2021 lässt viele Veranstalter nun nach virtuellen Alternativen suchen, während andere vor der Herausforderung des Unplanbaren kapitulieren. Eine Branche, die zuvor bereits mit der Disruption der Digitalisierung zu kämpfen hatte, steht nun unter dem großen Innovationsdruck sich neu zu erfinden und kreative Lösungen zu finden. 

Die Berlinale ist traditionell Magnet von Medienschaffenden in Berlin – auch noch im März. Foto: Richard Hübner, Berlinale

Es lag gerade einmal eine Woche zwischen der Normalität und dem Ausnahmezustand. Am 1. März endete die Jubiläumsausgabe der Berlinale, auf der sich Filmschaffende und Experten, Verkäufer und Senderverantwortliche, Schauspieler und Kritiker in der Hauptstadt  versammelten, um auf zahllosen Premieren, Empfängen und Rahmenveranstaltungen zwischen Glanz, Glamour und Alltagsgeschäft die Branche zu feiern. Mit knapp 22.000 Akkreditierten, 3500 Journalisten und 330.000 verkauften Tickets für 340 gezeigte Filme erneut eine eindrucksvolle Bilanz, die eines „a-list” Festivals würdig ist. Doch in den Fugen begann es bereits zu knirschen: Der European Film Market, jener Markt auf dem sich Produzenten, Verleiher und Filmeinkäufer treffen, um Stoffe und fertige Filme zu handeln, spürte an einer Stelle bereits die ersten Schockwellen dessen, was sich allmählich aufbaute. Denn viele der finanzkräftigen Teilnehmer aus China hatten auf Grund des Coronavirus abgesagt, manche der sonst im 15-Minutentakt verplanten Rechtehändler wurden im Angesicht ungewöhnlich lichter Terminpläne nervös (s. Hollywood Reporter).

Dies sollten nur die ersten Vorzeichen dessen sein, was die Filmfestival- und Kulturveranstaltungsbranche nur wenige Tage später erschütterte und als Beben und Nachbeben für fundamentale Veränderungen sorgen wird. Nicht nur in der Art, wie sich Filmfestivals und Konferenzen im Online-Raum präsentieren, sondern in der Branche generell. Denn einige der als selbstverständlich angesehenen Strukturen, zuletzt sowieso herausgefordert durch neue Seh- und Nutzungsgewohnheiten des Publikums, geraten in Gefahr.

Das erste Festivalopfer SXSW

Das erste namhafte Opfer war acht Tage nach Ende der Berlinale das Festival- und Konferenzkonglomerat SXSW (South by Southwest), das jährlich in Austin stattfindet. Nach tagelangem Vorgeplänkel wurde es eine Woche vor offiziellem Start endgültig abgesagt, nachdem nacheinander wichtige Sponsoren und Partner ihre Absage verkündet hatten. Die Reaktionen reichten von Schockstarre über Erleichterung bis hin zu Ungläubigkeit, da das volle Ausmaß der Coronakrise sich erst allmählich abzeichnete, während die Auswirkungen direkt zu spüren waren. Zwischen Film- und Musikfestival sowie Technologiekonferenz mit unzähligen Satellitenveranstaltungen brachte SXSW 2019 etwas über 400.000 Besucher nach Austin, die zum entscheidenden Wirtschaftsfaktor für die texanische Stadt wurden. Airbnb-Vermieter und Hotelketten, lokale Künstler und Veranstalter sowie die rund 250 Live-Venues traf die Absage wirtschaftlich schwer – vor allem jene, die sich in ihrer finanziellen Jahresplanung stark auf den jährlichen Zufluss ausgabefreudiger Firmen und Besucher verließen. (Hugh Forrest vom SXSW übrigens hier mit seinen Antworten auf den C7-Fragebogen)


Über den Autor: Gerhard Maier arbeitet seit über 10 Jahren in der Film- und Fernsehbranche, und gründete das SERIENCAMP, Deutschlands erstes Festival, das sich ausschließlich dem seriellen Geschichtenerzählen widmet.


Mindestens ebenso hart schlug die Absage jedoch an anderer Stelle ein: Nämlich bei den Kreativen – unter anderem aus der Film- und Serienbranche –, die dem Festival für Monate entgegengefiebert hatten, um dort jene Werke der Öffentlichkeit vorzustellen, an denen sie so lange gefeilt hatten. Auch wenn die Absage für viele nachvollziehbar war, so war die Enttäuschung bei vielen doch deutlich spürbar. Die Chance, die eigene Arbeit einem Kinopublikum vorzustellen, den so flüchtigen Buzz zu generieren, entdeckt zu werden, den Durchbruch zu schaffen, die (pop)kulturellen Meinungsmacher zu überzeugen, positive Kritiken zu sammeln oder sich nur mit Kollegen auszutauschen – was auch immer die jeweilige Motivation, die Gelegenheit schien erst einmal verstrichen.Während einige der europäischen Branchenveranstaltungen, wie Serienfestival und -konferenz Seriesmania oder die Fernseh-Content-Messe MIPTV im Angesicht des Lockdowns in kürzester Zeit Teile ihres Branchenprogramms in fix zusammengeschraubte digitale Versionen retteten, mussten andere schweren Herzens die Arbeit der vergangenen Monate ungenutzt lassen und ihre Veranstaltungen absagen. Einige Filmfestivals wie das Münchener dok.fest (bis zum 24. Mai 2020 mit 121 Filmen online) stellten sich den Herausforderungen, eine digitale Version aus dem Boden zu stampfen, andere mussten in Ermangelung von Zeit, Budget oder schlicht dem nötigen Willen ihre Pläne ändern. Zum jetzigen Zeitpunkt, knapp acht Wochen nach dem Ende der Berlinale, dem letzten Festival aus einer mittlerweile weit entfernt scheinenden Ära, zeichnen sich zwischen mutigen Experimenten und schnellen Notlösungen, zwischen Adaption an die neue Situation und Kapitulation vor den Herausforderungen erste Trends ab, wie Kulturbetrieb im Allgemeinen und Filmfestivals im Speziellen auf die Krise reagieren.

Gemeinsam stark? Oder schwach? Digital!

Doch wer begegnet wie der neuen Normalität? Und was bedeutet sie für Festival- und Kinobranche? Einige der angekündigten wie angestrebten Lösungen zeigen einen durchgängigen Trend: Die Digitalisierung und ihre unmittelbaren Folgen, denen sich Teile der Branche bisher eher widersetzt hatten, wird nun vollherzig umarmt. Mancherorts wird dieser Drang hinein ins Digitale zwar als Übergangslösung gesehen und die Normalität des Gestern herbeigesehnt. Viele der durch den Innovationsdruck herbeigeführten Änderungen können jedoch höchst positive Auswirkungen haben. 

Inwieweit hier jedoch die generell in der Coronakrise zu beobachteten Tendenzen hin zur Zentralisierung einerseits, zur ad hoc-Kooperation andererseits, bestimmte Marktteilnehmer mehr oder weniger begünstigen, ist sicher eine der interessanteren Fragen, wenn es darum geht, einen Blick in die Zukunft zu wagen. Wer schafft die Adaption und warum? Und wer bleibt dabei auf der Strecke? 

Für weltweite Aufmerksamkeit sorgte fraglos die Initiative „We Are One“, das im April gemeinsam vom New Yorker Tribeca Festival und YouTube verkündet wurde. Der Plan: Vom 29. Mai bis 7. Juni werden auf YouTube kostenlos Dokumentationen, Kurz- und Spielfilme sowie virtuelle Roundtable-Diskussionen zu sehen sein, über eine Spendenfunktion können die Zuschauer dem vom WHO eingerichteten COVID-19 Relief Fund spenden. Eine Idee, die sich in Lockdown-Zeiten durchgesetzt hat: Wenn Dein Publikum nicht zu Dir kommen kann, dann komme Du zu Deinem Publikum. Das National Theatre, wie ähnliche Projekte, stellt jeden Donnerstag Aufzeichnungen von Klassikern wie “A Streetcar Named Desire” online. Dem virtuellen „We Are One“-Festival schlossen sich in kürzester Zeit eine Reihe der sogenannten A-Listen-Filmfestivals an: Cannes, Venedig, Berlin, Locarno, Sundance, Toronto, London, Tokyo und viele mehr. Die Message: Wir machen weiter, auch wenn wir nicht weitermachen können. Und tun dabei Gutes. Im Kern deutet das Festival, ebenso wie die vielen virtuellen Ausweichbewegungen von Online-DJ-Sets, VR-Theater oder immersive Audiotheater-Spa, aber vor allem in eine Richtung: die der Digitalisierung der ehemals letzten analogen und physischen Rückzugsgebiete. Oder wie es Silke Schmidt, Direktorin des XR Hub Bayern, so nonchalant wie treffend zuspitzt: „Die Zukunft ist jetzt halt da.” Man kann sich den neuen Anforderungen ebenso wenig verschließen wie dem Nutzungsverhalten eines Teils des Publikums, dessen Hang  zur „Alles, sofort und am besten kostenlos“-Mentalität schon zuvor altehrwürdige Kulturpraxis unter Zugzwang gestellt hatte: Wer als Kino in Zeiten von Mega-Franchises, unverhältnismäßig großer Macht einzelner Marktteilnehmer und Konkurrenz durch andere Unterhaltungsmöglichkeiten überleben wollte, musste einen von zwei Wegen gehen. Wahlweise auf Skaleneffekte zielen und das Spiel der Gigantisierung mitspielen – große Kinos, große Ketten, Filme mit garantiert großem Publikumsandrang. Oder sich auf Community-Building und geschmackssichere Kuration verlassen, wie es einige der erfolgreichen kleineren Programmkinos in Europa und den USA an den Tag legten.

Disruption und Adaption

Selbst die Filmfestivalbranche – die sich händeringend, zuletzt öffentlichkeitswirksam wie im Fall des Zwists zwischen dem Cannes Filmfestival und dem Streaming Riesen Netflix, gegen die sich ändernden Machtverhältnisse in der Filmbranche gestemmt hatte und sich teils als letzte Bastion des klassischen Kinos gesehen hatte – muss nun sehen, dass sich manche Veränderungen eben nicht aufhalten lassen. Oder im Fall der aktuellen Situation diese Veränderungen sogar auf halsbrecherische Geschwindigkeit beschleunigt werden. 

„Wir haben ein Ausmaß digitaler Transformation von zwei Jahren in zwei Monaten erlebt,“ so Microsoft-Chef Satya Nadella in einem Webcast zu aktuellen Quartalszahlen des Jahres. Eine Transformation, gegen die sich viele Festivals aus sehr verschiedenen Gründen wahlweise stemmten oder die sie nur halbherzig annahmen. Die Essenz des Festivals – das Vorführen einer kuratierten Auswahl von Filmen und Serien an einem geographischen Ort innerhalb eines bestimmten Zeitraums – ist durch COVID-19 ebenso gefährdet wie die Kulturpraxis des „Ins-Kino-Gehens“. Doch dass Kinos und bestimmte Spielarten des Films unter dem Druck von Streaming-Angeboten als direkten Konkurrenten und anderen Unterhaltungsangeboten von Videospielen bis Social Media als indirekten Gegenspielern schon länger zu kämpfen hatten, zeigen die Zahlen der letzten Jahre: Europaweit stiegen nach den mageren Jahren die Zuschauerzahlen zwar im Durchschnitt wieder leicht, der Publikumszuwachs ging meist zu Gunsten der großen US-Blockbusterproduktionen und Franchises.   

Die Suche nach Lösungen für das Dilemma scheint schwierig: Wie eine Handlung, die vom physischen An-einem-Ort-Sein lebt, in die flüchtig wabernde Welt des Digitalen retten? Und falls das möglich sein sollte, wer wird dabei zu den Verlierern zählen? Die Entwicklung der letzten Jahre legt bereits einige Trends nahe. Denn mit der vertikalen Integration großer und international tätiger Medienimperien, bei denen die gesamte Verwertungskette eines Films von erster Idee bis Produktion bis digitalem Vertrieb an den Endkunden unter einem Dach vereint ist, scheinen Festivals und Kinos schon länger unter indirektem Beschuss zu stehen. Die Produktion und der Vertrieb von Film und meist Serien, meist unromantisch als „content“ betitelt, ist nur ein Teil einer sehr viel umfassenderen Firmenstrategie und muss für sich genommen nicht unbedingt schwarze Zahlen schreiben. 

Wenn Hardware-Hersteller Apple, Online-Retailer Amazon oder der nicht erst seit der Akquise von 20th Century Fox zum Todesstern der Unterhaltungsbranche angewachsene Megakonzern Disney mit Filmen und Serien den direkten Kontakt zum Kunden suchen, erscheinen Kulturmittler wie Festivals und Kinos vielleicht vermehrt als Nachgedanke. Besonders im Licht der aktuellen Lage: Für den mitten in die Krise gestarteten Pixar-Film Onward wurde das sonst bindende Kino-Fenster kurzerhand gekappt, der Titel war in den USA weniger als einen Monat nach seiner Premiere digital erhältlich. 

Die Frage nach dem Ungleichgewicht der Machtverhältnisse zwischen Groß und Klein drängt sich auch an anderer Stelle auf: Denn nicht nur das Kräfteverhältnis zwischen Content-Besitzern und Kinos hat sich zusammen mit der Filmlandschaft nachhaltig geändert. Auf Festivals übertragen, scheint der Druck der Digitalisierung und den damit einhergehenden notwendigen Investitionen auch kleinere Festivals weit stärker in Bedrängnis zu bringen als die großen. Während man bei letzteren über Initiativen wie We Are One hinaus bereits fleißig an einer Virtualisierung des Festivalerlebnisses bastelt, mangelt es kleinen und regionalen Festivals meist an Know How und Budget für die Umsetzung der nötigen Schritte. Mit Schätzungen, dass viele der Hygienevorschriften und Abstandsregelungen bis mindestens Ende des Jahres bestehen bleiben, kann dies zur Existenzkrise für viele dieser Festivals werden.

Was nun?

Eine der bevorzugten Lösungen, die besonderen Anklang findet, zeigt sich in einer eigentlich ur-amerikanischen Kinotradition: dem Autokino. Nach der offiziellen Absage des diesjährigen Oktoberfestes in München, weckte die nun zur Verfügung stehende Theresienwiese sofort viele Begehrlichkeiten: Wahlweise ein großes Autokino oder eine per Auto zu besuchende Kulturveranstaltung wurden vorgeschlagen. Die Aussicht der benachbarten Viertel auf Blechlawinen aus Hunderten Autos, die sich durch die Straßen ziehen würden, regte sofort Protest an. Nach langem Ringen durfte in München das Autokino Aschheim wieder öffnen, ein neues Autokino lädt seit 20. Mai  im nördlich gelegenen Freimann übergangsmäßig die Besucher ein, während quer durch die Republik vom niederbayerischen Simbach am Inn, über Dachau oder Köln  bis Erfurt Musiker demnächst ihre Live-Auftritte vor Autos absolvieren werden.

Nicht nur in Sachen Nachhaltigkeit scheint die Autokino-Idee als Lösung fraglich, für viele der größeren Festivals und dem damit oft verbundene Rahmenprogramm scheint es keine zufriedenstellende Alternative.

Neben einem Überblick darüber, wie We Are One und andere Festivals und Konferenzen den Herausforderungen eines digitalen Filmfestivals begegnen, folgt im nächsten Teil der Artikelserie ein Einblick in technische und konzeptionelle Lösungsansätze.