Verschärfte Bildungsungleichheiten – Studierende und die Corona-Krise

In den letzten Wochen hat sich auch bei ArbeiterKind.de vieles verändert. 6.000 Ehrenamtliche der gemeinnützigen und spendenfinanzierten Organisation informieren und unterstützen Schüler:innen und Studierende der ersten Generation deutschlandweit bei Fragen rund ums Studium bis hin zum Berufseinstieg. Noch bis Anfang März konnten die ehrenamtlich engagierten Mentor:innen in über 80 Städten und Regionen bei offenen Treffen, Sprechstunden, Schulbesuchen, Bildungsmessen, Workshops und Infoständen persönlich mit Schüler:innen, Studierenden und Ratsuchenden sprechen, ihnen Mut zum Studium machen, rund ums Studieren informieren und im Studienalltag und bei Bewerbungen um ein Stipendium unterstützen. Doch seitdem das öffentliche Leben in Deutschland durch die Corona-Präventionen eingeschränkt ist, sind die Ehrenamtlichen von ArbeiterKind.de erfinderisch geworden und gehen digitale Wege, um Ratsuchende zu erreichen und zu unterstützen. Denn: Die Fragen rund ums Studium sind merklich angestiegen!

Informationslücken, Zweifel und Unsicherheiten vergrößern sich

Die Corona-Krise macht deutlich, dass in Deutschland noch immer keine Chancengleichheit herrscht. Schulkinder und Studierende aus nicht-akademischen Familien bleiben mitunter zurück. Einige Eltern können ihre Kinder wenig oder gar nicht beim Homeschooling unterstützen. Es mangelt unter Umständen an Wissen, den technischen Hilfsmitteln und entsprechender Medienkompetenz. Nicht alle Oberschüler:innen können sich zuhause in Ruhe mit den vorgesehenen technischen Hilfsmitteln über ein Studium informieren. Ähnlich sieht es bei den Studierenden aus: Nicht allen steht entsprechende Technik zur Verfügung, um den Studienalltag online zu meistern oder gar am Online-Sommersemester teilzunehmen. Bereits vorhandene Informationslücken, Zweifel und Unsicherheiten werden weiter vergrößert und können zu nachhaltigen negativen Folgen führen.

Studienfinanzierung ist das größte Problem

Das größte Problem unter den Studierenden ist die Studienfinanzierung. Auch ArbeiterKind.de bekommt verstärkt Anfragen zu diesem Thema. Laut einer Umfrage haben circa 40 Prozent der Studierenden auf Grund von Corona vorerst ihren Job verloren. Viele klassische Studi-Jobs als Service-Kraft in der Gastronomie oder Aushilfe im Verkauf sind im Zuge der Krise komplett wegfallen. Von diesem Umstand sind Studierende aus nicht-akademischen Elternhäusern besonders betroffen, so das DIW Berlin in seiner Ausgabe aktuell vom 26. Mai 2020. Denn sie jobben öfter in fachfremden Jobs. Gleichzeitig sind sie auf ihre Nebeneinkommen zur Finanzierung ihres Studiums angewiesen, weil sie wenig oder keine monetäre Unterstützung durch ihre Eltern erhalten. Schließlich sind selbst viele Eltern in prekären Arbeitsverhältnissen von den Folgen der Krise betroffen. Durch den Wegfall des Nebenjobs stehen also hauptsächlich Studierende aus nicht-akademischen Elternhäusern vor großen finanziellen Herausforderungen. Die Erwerbsausfälle verursachen Probleme mit Miete und Rechnungen, das Geld reicht nicht mehr zum Leben. Angesichts dieser Lage müssen sich viele Studierende stärker als bisher verschulden.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat jüngst darauf reagiert. Es stellt ab sofort eine Überbrückungshilfe für alle Studierenden in pandemiebedingten Notlagen bereit. Diese beinhaltet zwei Elemente: den KfW-Studienkredit sowie Zuschüsse, die über die Studierendenwerke verteilt werden. Für einige kommt diese Hilfe jedoch zu spät. Sie haben ihr Studium bereits abgebrochen, weil sie es sich nicht mehr leisten konnten. Auch hier schätzt das DIW, dass die Studienabbruchwahrscheinlichkeit für Studierende aus nicht-akademisch gebildeten Haushalten durch den Verlust ihrer (fachfremden) Nebentätigkeit in der gegenwärtigen Krise überproportional ansteigen könnte.

Insgesamt lässt sich sagen: Die getroffenen Maßnahmen, die gegen eine Ausbreitung des Corona-Virus eingesetzt werden, verstärken die ohnehin vorhandenen Bildungsungleichheiten.

Das Unterstützungsangebot von ArbeiterKind.de

Zwar kann ArbeiterKind.de nicht bei der Studienfinanzierung einspringen. Aber die Organisation versucht trotz und gerade wegen der Umstände mit Schüler:innen und Studierenden vernetzt zu bleiben. Schon seit einigen Jahren bietet ArbeiterKind.de ein Infotelefon an vier Nachmittagen in der Woche an. Die ArbeiterKind.de-Community ist verstärkt im ArbeiterKind.de Online-Netzwerk aktiv, ansprechbar und für alle Fragen erreichbar. Auch die Ehrenamtlichen vor Ort haben schnell auf die neue Lage reagiert und bieten mittlerweile fast flächendeckend virtuelle offene Treffen oder telefonische Sprechstunden an. Online-Angebote, zum Beispiel zum Thema „Studienzweifel in Zeiten von Corona“, unterstützen Studierende und Ehrenamtliche. Auch für die Schulbesuche entwickelt ArbeiterKind.de ein digitales Angebot. Für die persönliche Unterstützung vor Ort nutzen die Ehrenamtlichen nicht nur Telefon und Chat-Programme, auch das Mentoring beim Spazierengehen („Walk und Talk“) wird von der Jahreszeit begünstigt. Außerdem arbeitet die Organisation an der Entwicklung einer App, damit auch in den nächsten Jahren Ratsuchende und Ratgebende schneller zueinander finden können. Gerade in der Krise setzen wir uns für Bildungsgerechtigkeit ein und sind treu unserem Jahresmotto #StarkVernetztGemeinsamStärker.

Julia Munack arbeitet für Arbeiterkind.de in Berlin.