Storytelling in der Corona-Krise

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Von Jennifer Fritz

Die Corona-Krise ist die große Herausforderung unserer Zeit. Ich bin Historikerin und Storytellerin und beobachte mit Spannung, welche Narrative in dieser Zeit entstehen, aber auch, wie der Mensch Storytelling als Eskapismus nutzt, als Flucht vor der Realität.

Der Psychologieprofessor Michael Karson stellt in seinem Artikel in der Psychology Today fest, dass unsere Gehirne von der Evolution nicht auf Logik, Wahrheit oder Rationalität gepolt worden sind, sondern auf Storytelling. Wer gut erzählen kann, darf sich fortpflanzen. Egal was man von dieser These halten mag und warum wir am Ende ein Geschichten-Gehirn (Story-Brain) entwickelt haben – richtig ist, dass wir uns besonders in Krisenzeiten in und durch Storytelling zu retten versuchen. Es beruhigt uns, bietet uns Helden und Eskapismus, sowie die Möglichkeit, uns selbst ins globale Geschehen einzuordnen. Hier sind Beobachtungen zu vier Bereichen des Storytellings in der Krise.

Verschwörungstheorien und Fake News

Verschwörungstheorien und Fake News spielen auch zu Nicht-Krisen-Zeiten in unser Bedürfnis nach einfachen Wahrheiten. Das gilt nun besonders für einen Feind – das Virus -, den wir nicht sehen und zunächst auch nur passiv bekämpfen können. Viele Menschen wollen sich nicht vorstellen, dass die Natur uns das einfach so hinwirft. Also war das Erste, was man in diesem Bereich gesehen hat, die Geschichte, dass der Virus in einem chinesischen Geheimlabor gezüchtet und mit Absicht auf die Menschheit losgelassen worden sei. Gestützt wird diese Verschwörungstheorie von einem Roman, der genau dieses Szenario in genau dieser Region im Jahr 2020 erzählt. Das kann doch kein Zufall sein, oder? – Doch, die Natur interessiert es nun Mal nicht, ob sie uns damit ungelegen kommt. Und lassen Sie mich gar nicht erst in den Abgrund der zionistischen Verschwörungen oder das Auslösen einer Pandemie durch Handystrahlung leuchten. Es ist spannend, welche Gebilde das Geschichten-Gehirn hier hervorbringt. 

Doch noch viel gefährlicher als diese Verschwörungstheorien sind die Fake News über Wunderheilungen und Selbsttests, die das Netz fluten. In einer Situation wie dieser, in der es noch keine Impfung gibt, glaubt jeder, seine Stunde habe geschlagen: Dieses Heilmittel funktioniert ganz sicher, und von jenem sollte man auf jeden Fall die Finger lassen. Man möchte der Held sein, der das Rätsel gelöst hat, oder man schreibt sich einfach die eigene Machtlosigkeit von der Seele. Der Gedanke: Wenn man selbst nur fest daran glaubt, wird das Narrativ vielleicht zur Wahrheit. 

Auch wenn Verschwörungstheorien und Fake News eine verständliche Reaktion unseres Geschichten-Gehirns auf diese Krise sind, wirken sie eventuell sogar gefährlicher als das Virus selbst – vor allem, wenn es um angebliche, nicht überprüfte Heilmittel geht. 

Horror- und Heldengeschichten

Wanted: Helden!

In einer Krise suchen wir als Erstes nach einem Helden, der uns retten kann. Die Deutschen haben einen gefunden: Christian Drosten, den Leiter der Virologie der Berliner Charité. Ein echter Wissenschaftler, der für uns herunterbricht und einordnet, was für den Normalbürger nicht zu verstehen ist. Interessant ist, wie unwillig sich Drosten in seine Rolle als Held fügt, wie oft er darauf hinweist, dass es neben seinen Ergebnissen auch andere gibt, dass wir es noch nicht genau wissen und dass wir abwarten müssen. Aber es wartet sich auf jeden Fall schon mal besser, wenn man einen Helden wie Drosten an seiner Seite weiß. 

Gleichzeitig sehen wir aber auch einen interessanten Ansturm auf einen neun Jahre alten Film: Contagion. Nachdem die meisten ihn wahrscheinlich schon wieder vergessen hatten, erfreut er sich bei Streamingdiensten einer erstaunlichen Beliebtheit. Warum ist das so? Der Film erzählt von einem neuen Grippevirus, das innerhalb weniger Wochen Millionen Menschen tötet und die Ordnung ins Wanken bringt. Soderbergh und seine Crew haben stark darauf geachtet, dass die Wissenschaft im Film stimmt – zum Beispiel, wie ein Virus übertragen wird. So gesehen, ist es dieser Film tatsächlich eine gute Wahl, auch wenn man bei der Wissenschaftlichkeit von Hollywoodfilmen sonst vorsichtig sein sollte. Vielen hilft sicherlich dieser Hoffnungsschimmer am Ende, wenn nach der Pandemie ein neuer Tag anbricht. Der Mensch besiegt das Virus. 

Ein recht neues Genre, das bisher nur Strategie-Berater gut kannten, bricht sich gerade über die Medien Bahn. Die Rückwärts-Prognose:  ein hoffnungsvoller Weg, aus einer Krise heraus in die Zukunft zu blicken, vorwiegend auf die guten Dinge, die passiert sein werden. 

Das ist persönlich meine Lieblingsart, auf diese Krise zu schauen – mit Hoffnung und Kreativität. In dunklen Zeiten ist es genau das, was Storytelling zu einer starken Waffe macht, um nicht die Hoffnung zu verlieren. 

Horror- und Heldengeschichten haben Eines gemeinsam: Sie helfen uns in gewisser Weise, Verhaltensregeln zu lernen, die wir für nützlich halten, und sie geben uns Leitfiguren, die wir dabei anfeuern können, ein Problem zu lösen, bei dem die meisten von uns gezwungen sind, passiv zuzuschauen. Lehren und Vorbilder schaffen, sind Kernkompetenzen des Storytellings.  

Fanfiction und Story-Eskapismus

Die Krise als perfekte Zeit für “Comfort Binging”.

Eskapismus im Lesen und Schreiben ist in einer Krise wie dieser erwartbar. So sahen auch die großen Fanfiction-Seiten wie AO3 als erste einen Anstieg in ihren Zugriffs- und Publikationszahlen. Warum ist das so? Fanfiction ist leicht zugänglich und tendiert dazu, genau das zu liefern, was viele jetzt brauchen: Eskapismus, emotionale Erfüllung der eigenen Wünsche und Bestätigung der eigenen Identität. Fanfiction ist aber auch ein schnelles Medium und ermöglicht es, die eigene Angst und den Umgang mit der Seuche in bereits etablierten Welten zu verarbeiten – ob das jetzt Captain America, Harry Potter oder die Witcher-Welt ist. Jedes große Fandom sieht gerade ein neues trending Trope: Leben mit der Seuche. Daran sieht man, wie sehr es helfen kann, sich die Angst von der Seele zu schreiben oder zu lesen – denn am Ende wird in 90 Prozent der Fälle alles gut. Das macht sich auch die schon lange anerkannte Schreibtherapie zu nutze. 

Ähnlich verhält es sich mit der Flucht in das Comfort Binging. Dabei verfällt man zurück in seine Lieblingsserien, die einem ein Gefühl von Geborgenheit geben. Geschichten, die gut ausgehen, die einem so bekannt sind wie der Lieblingspulli.  Streamingdienste profitieren gerade von unserem Drang nach beruhigenden Stories oder einfach der Möglichkeit, in einer guten Story für ein paar Stunden der Realität zu entfliehen. 

Story-Eskapismus, egal in welcher Form, gibt uns die Möglichkeit der psychischen Hygiene. Niemand hält es auf Dauer durch, sich Sorgen über diese Krise zu machen. Wir brauchen die Flucht ins Kreieren und Konsumieren, um nicht dem Wahnsinn anheim zu fallen. 

Selbstzeugnis als Bewältigungsmechanismus

„Ich war dabei“ – „So war das damals wirklich“ – „Das war ein historischer Moment“. – So oder so ähnlich werden wir uns Geschichten über diese Zeit, die wir gerade noch durchleben, erzählen. Historische, aber auch Story-Archive rufen dazu auf, die Krise schriftlich in Tagebüchern und Artikeln festzuhalten. Auf StoryOne gibt es sogar einen eigenen Hashtag: Corcooning. Darunter finden sich alle oben beschriebenen Genres wieder: Verschwörungstheorien, Horror- und Heldengeschichten, der hoffnungsvolle Blick in die Zukunft. Dokumentation und Fiktion existieren hier friedlich nebeneinander. So schließt sich der Kreis. Wer überlebt hat, will darauf verweisen können, dass er dabei war – mit kleinen oder großen Heldentaten. Wir sind die Helden unserer eigenen Geschichte!

So schließt sich der Kreis. Wer überlebt hat, will darauf verweisen können, dass er dabei war – mit kleinen oder großen Heldentaten. Wir sind die Helden unserer eigenen Geschichte!

Wo wird das alles hinführen? Das wissen wir momentan genauso wenig wie wir die Frage beantworten können, wie lange diese Krise noch andauert. Ich rate: Das Team, das als Erstes einen Impfstoff herstellt, darf einen Hollywoodfilm über sich erwarten. Und es wird eine wahre Flut an Aufarbeitungs-Romanen, -Sonderheften, -Memoiren, -Filmen und -Serien geben. 

Mit etwas Abstand werden wir die Zeit als das einordnen können, was sie gewesen sein wird: ein historischer Punkt ohne Wiederkehr, der unglaublich viele schöne und seltsame künstlerische Blüten getragen hat. Ich bin gespannt, welche neuen und alten Narrative wir in den nächsten Monaten sehen werden.


Über die Autorin:

Jennifer Fritz ist Storytellerin, Konzepterin und ein Teil des “Co-Collectives”. Ihre Spezialität sind Geschichten, die Wissen vermitteln. Als Freiberuflerin arbeitet Sie als Redakteurin, Autorin, Referentin und Instructional Designerin.