Narrative von Schuld und Verschwörung

In einer Artikelserie beschäftigt sich unsere Redakteurin Jennifer Fritz mit Narrativen, die in der Corona-Krise virulent sind, darunter Zukunftsnarrative, aber auch Storytelling-Mechanismen mit eskapistischen Motiven und Narrative der Männlichkeit und vielfältige Gegenentwürfe. Diesmal geht es um Schuld und Verschwörung.

Während meines Geschichtsstudiums war mein Spezialgebiet bis zur Prüfung die Hexenverfolgung in Deutschland in der Frühen Neuzeit. Was hat das nun mit der Corona-Krise der Jetztzeit zu tun, werden sich einige jetzt fragen. Die Antwort ist: erschreckend viel – denn sowohl bei der Suche nach einem Schuldigen für diese Krise, als auch im Verschwörungsglauben einiger mehr oder weniger berühmter Deutscher treten Narrative auf, die schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel haben. In diese dunkle Ecke der Corona-Narrative leuchten wir heute hinein. 

Ich möchte gleich vorwegnehmen, dass ich nicht sagen will, dass es Verschwörungen grundsätzlich nicht gibt. Das wäre genauso töricht, wie jede einzelne Verschwörungstheorie zu glauben. Mir geht es darum zu zeigen, warum Narrative der Schuld und Verschwörung gefährlich sein können und wie sie im weitesten Sinne zu Hexenjagden führen. Als Historikerin mit eben diesem Fachgebiet werde ich versuchen, ein bisschen Licht in die größeren Zusammenhänge zu bringen. 

Die große Schuldfrage

Verschwörungsglauben vergiftet Menschen mit Angst und Hass und kann psychische Probleme verschärfen. Er begünstigt nicht nur extrem irrationales Verhalten, sondern kann – wie zuletzt auch in Hanau geschehen – auch zu Gewaltausbrüchen führen. 

Michael Blume – Adrenochrom & Satanskulte

Kaum ging das Covid-19 Virus um die Welt, ging es auch schon los, das so genannte “Blame Game” (wortwörtlich als “Schuld-Spiel” zu übersetzen): 
Donald Trump, Präsident der USA, war sich sicher, dass es das “Wuhan Virus” ist und China es mehr oder weniger absichtlich in die Welt gesetzt hat – China hingegen zeigte mit dem Finger auf die USA und behauptete, das amerikanische Militär hätte das Virus in China ausgesetzt. Auf weltpolitischer Bühne wurde inszeniert und wie im Kindergarten der schwarze Peter hin und her geschoben. Realpolitische Konsequenzen hatte das bisher wenige. 
Anders sieht es dabei aus, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen innerhalb eines Landes zum Sündenbock gemacht werden und systematisch ausgegrenzt oder verfolgt werden.

In den Ländern außerhalb von Asien berichteten Menschen mit asiatischen Wurzeln oder asiatischem Aussehen bereits in den ersten Wochen von wachsendem Hass – off- und online –  gegen ihre Bevölkerungsgruppe. Hier schwappte der Hass aber auch schon in Gewalt über, wie zum Beispiel dieses kanadischen Mannes mit “asiatischem Aussehen”

Auch andere Gruppen haben zu kämpfen – zum Beispiel aufgrund ihres Lebenswandels: In Südkorea brach Anfang Mai ein neues Corona-Cluster aus, das sich in den Bezirk Itaewon zurückverfolgen lässt – den Bezirk, in der die LGBT*-Community der Hauptstadt ihre Clubs hat. Ein Fernsehsender mit Verbindungen zur evangelikalen Kirche veröffentlichte daraufhin die Namen und Arbeitsorte einiger Betroffener und outete diese teilweise öffentlichkeitswirksam. Und wozu führt das nun in Südkorea? Einerseits zu einem Angriff auf LGBT*-Personen in Südkorea und andererseits dazu, dass Behörden befürchten, dass sich Personen nicht mehr testen lassen, aus Angst auch geoutet zu werden. Stigmatisierung und Schuldzuweisung sind in diesem Fall eine echte Lose-Lose-Situation. Und nur eine Frage der Zeit, bis es sich auch in Gewalttaten gegen dieser Minderheit ausdrückt.

In Indien war die Lage der Muslime bereits vor dem Ausbruch von Corona angespannt. Doch nun erreicht die Islamophobie in einem der bevölkerungsreichsten Länder der Welt neue Höhen. Zu Beginn der Pandemie gab es einen Corona-Hotspot in einer muslimischen Gemeinde. Kurze Zeit später verbreitete sich das Hashtag #CoronaJiha, mit dem den Muslimen vorgeworfen wurde, das Corona-Virus absichtlich unter Hindus zu verbreiten. Eine konkrete Auswirkung dieser “Schuldtheorie” ist, dass muslimische Geschäfte boykottiert werden und sogar Hindu-Mobs Muslime verprügeln und dazu zwingen wollen, dass diese zum Hinduismus konvertieren. 

Da es sich dabei in der Regel um Sündenbock-Erzählungen handelt, in denen eine Minderheit für die Leiden der Mehrheit verantwortlich gemacht wird, lassen sich diese Gerüchte politisch instrumentalisieren. Gerade wenn sie von Experten, Autoritäten und Herrschenden mitverbreitet werden, können Sündenbock-Gerüchte Gewalt begründen und oft erst ermöglichen. 

Josef Joffe – Die besten Beweise sind keine Beweise

Mit dem Finger auf andere zu zeigen, um einen Schuldigen für eine Situation zu finden, die für viele schwer zu erklären ist und noch schwerer zu ertragen ist – als reiner Zuschauer in etwas, was nicht in der eigenen Macht zu ändern liegt –, ist äußerst menschlich. Aber jedem, der bewusst Gerüchte verbreitet, dass eine bestimmte Minderheit oder Bevölkerungsgruppe “schuld” an diesem Virus ist, muss klar sein, was er damit anrichtet. Menschen werden ausgegrenzt, beschimpft, geschlagen und sogar ermordet werden. Denn wir sind gerade erst am Anfang. Wer Wissen möchte, wie solche Schuldzuweisungen enden, muss nur ein Geschichtsbuch aufschlagen oder den nächsten Abschnitt lesen: Sie enden in Verfolgung und Tod, und manchmal sogar im Krieg. Das Virus alleine ist schon schlimm genug – wir brauchen jetzt eine Welt, die zusammensteht und gemeinsam gegen den eigentlichen, unsichtbaren Feind kämpft: das Virus Covid-19. 

Von Hexen und anderen Verschwörern

Ohne Verschwörungsglauben wären der Holocaust, die die “Säuberungen” und Judenverfolgungen unter Stalin, der Völkermord an den Armeniern oder die Ermordung von “Hexen” in der frühen Neuzeit nicht möglich gewesen. 

Anselm Neft – Von bösen Mächten wunderbar geborgen

Bereits in den letzten Jahren machte Xavier Naidoo mit mehr oder weniger wirren Theorien im Internet auf sich aufmerksam. Kein Wunder also, dass er auch zu der Corona-Krise seinen Verschwörungsglauben in der Welt verbreitet. Er spricht über Adrenochrom und steckte damit bereits Sido und andere an, die jetzt ebenfalls glauben, dass irgendwo auf der Welt, vermutlich auch in Deutschland, Kinder entführt werden, um Adrenochrom herzustellen. Adrenochrom ist eine chemische Verbindung mit der Molekularformel C9H9NO3, die durch die Oxidation von Adrenalin (Epinephrin) hergestellt wird. In Alt-Right Verschwörungsglauben ist es allerding eine Droge der Elite, die ihnen entweder ewige Jugend oder momentan den Schutz vor Corona oder andere fantastische Gaben bringen soll.
Warum ist das gefährlich? Michael Blume hat das für Spektrum der Wissenschaft sehr gut zusammengefasst: “So ist Adrenochrom eigentlich nur ein Stoffwechselprodukt von Adrenalin, in digital verbreiteten Verschwörungsmythen jedoch längst ein Nachfolger der mittelalterlichen “Hexensalbe”, “Droge der Eliten” und Ausdruck eines weiblich-jüdischen Teufelspaktes.”

Mit seinem Verschwörungsglaube steht Naidoo in einer wirklich langen Tradition. Auch das Buch “Wider alle Hexerei und Teufelswerk” bringt hier Licht ins Dunkel: Denn der Glaube an entführte Kinder und eine aus ihnen gewonnene Hexensalbe lässt sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen und entstand aus einer Mischung von Antisemitismus mit Hexenglaube. Ketzern und Hexen wurde während der ersten Welle der Hexenverfolgung vorgeworfen, dass sie Kinder, vor allem ungetaufte, in Ritualen töten und sogar essen würden, dass sie aus ihren Leichen Salben für den Hexenflug herstellen. Wir haben es hier also mit einem Verschwörungsglauben zu tun, der sich bereits einige Jahrhunderte hartnäckig hält und bereits mehrere Male in tödlichen Hexenjagden geendet ist.

Wo trifft sich das nun mit Corona? Laut einem Verschwörungsglauben wurden aus einem Schiff in New York Kinder mit starken Atemwegsproblemen befreit, die zuvor als Sexsklaven und zur Produktion von Adrenochrom für die Eliten, gegen Corona, dort festgehalten wurden. Adrenochrom, kurz Hexensalbe, soll also gegen Corona helfen und die Eliten horten es für sich und gewinnen es aus unschuldigen Kindern. Diese Theorie deckt also gleich mehrere Kreuze im Verschwörungsbingo ab. 

Das Gefährliche daran ist momentan nicht mal die Theorie an sich, sondern dass diese Verschwörungsglauben dazu führen, dass ihre Anhänge gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen oder ablehnen, da sie nicht mit ihrem Verschwörungsmythos zusammenpassen. Dies wiederum führt dazu, dass Methoden, um die Verbreitung des Virus einzudämmen, als Humbug abgetan und bewusst nicht eingehalten werden. Was wiederum in einer Pandemie zur schnelleren Ausbreitung des Virus und höheren Todesfällen führt. Eine Beispielrechnung hierzu von der New York Times: Hätte der Staat New York zwei Wochen früher den Lockdown verkündet, wären hochgerechnet 54.000 Menschen weniger gestorben. Umgekehrt kann man also sagen: Menschen, die lieber an Satanskulte, Hexensalben und die Verschwörung der Eliten glauben als an die Wissenschaft, gefährden uns alle. 

Warum gibt es Narrative von Schuld und Verschwörung?

Verschwörungsglaube und die Suche nach einen Schuldigen für die Corona-Krise haben einen ganz einfachen Zweck: Sie sorgen für eine psychologische Entlastung gegen das eigene Ohnmachtsgefühl in einer Situation, die man entweder nicht versteht oder nicht kontrollieren kann. Doch leider gibt es, laut Studien, dabei ein Problem. Die psychologische Wirkung hält nicht an und muss wie eine Sucht befriedigt werden: 

Der psychologische Entlastungsnutzen von Verschwörungsglauben scheint allerdings einen Haken zu haben: Laut der britischen Sozialpsychologin Karen M. Douglas bedienen Verschwörungstheorien zwar dringende Bedürfnisse, befriedigen sie aber nicht auf Dauer. Wie bei einer Sucht wird das, was bezwungen werden soll – vor allem Ohnmachtsgefühle – langfristig verstärkt.

Anselm Neft – Von bösen Mächten wunderbar geborgen

Misstrauen wächst also, wenn man es kultiviert. Auch deshalb ist es wichtig, dass alle, die noch keinem Verschwörungs-Narrativ und keinem Sündenbock-Narrative erlegen sind, sich gegen die stemmen müssen, die es sind. Denn sonst wird die Corona-Pandemie deutlich mehr Tote fordern, als sie es müsste – durch Verbreitung des Virus, aber auch durch gewalttätige Ausbrüche gegen Minderheiten.