Maggie Lucy ist irritiert

Wie reagiert die Hauskatze auf das Coronavirus? Beobachtungen von SZ-Redakteur Milan Pavlovic.

Die orange-weiß-rote Hauskatze, ein Gewohnheitstier, wie man es nur selten antrifft, liebt Riten und feste AblĂ€ufe. Sie lĂ€sst uns stets wissen, wann sie ihrem GeschĂ€ft nachgegangen ist (und welchem); sie signalisiert, wann sie wo raus möchte (aber nicht durch die Katzenklappe) oder wieder rein (aber nicht durch die Katzenklappe). Sie verbringt mehrere Stunden des Tages damit, ihr Fell zu pflegen, in Posen, die jede Ballerina vor Neid erblassen ließe.

Die anderen Stunden, in denen sie nicht gerade schlĂ€ft oder sich streicheln lĂ€sst, nutzt sie, um an verschiedenen Fenstern die Lage zu sondieren und das Zittern der Äste zu studieren. Sie erhebt ihre Stimme, wenn sie spielen möchte (am liebsten Nachlaufen im Kreis) und wenn sie abends ihr Gemach im Badezimmerschrank auf dem Frotteetuch beziehen will – aber erst nachdem sie mit uns einen Film oder eine Serie angesehen hat; „Babylon Berlin“ und „Ozark“ haben ihr zuletzt noch besser gefallen als „Goliath“, das erkannte man daran, wie oft sich ihre Ohren bewegten und sie zum Fernseher guckte.

Bis vor sechs Wochen ging das so. Die anderen drei Familienmitglieder waren bis dahin höchstens abends gleichzeitig daheim. An Montagen hingegen verließen sie alle frĂŒh morgens das Haus, was Maggie Lucy zu herzzerreißenden Serenaden in Moll bewegte. Dienstags und mittwochs wurden Tennistaschen im Flur geparkt, donnerstags kam die böse Staubsaugerfrau, die Maggie Lucy quer durchs Haus verfolgte, und freitags verschwand die Familie regelmĂ€ĂŸig mit einem Stapel Klaviernoten. Die Katze quittierte das meiste mit aufgeregtem Interesse.

Das Coronavirus aber hat sie eine Weile so richtig aus der Bahn geworfen. Plötzlich sind alle fast durchgĂ€ngig im Haus; der Hausherr geht nicht alle naselang ins Kino, pendelt nicht mehr nach MĂŒnchen und sitzt auch nicht bis Mitternacht am Laptop; der Sohn geht nicht mehr in die Schule gegenĂŒber; und die Mutter sitzt neuerdings ebenfalls am Schreibtisch. Die Tennistaschen sind im Keller verschwunden, die SchĂŒler, die Maggie Lucy gerne vom Fensterbrett aus beobachtete, bleiben aus; die Arbeit der bösen Staubsaugerfrau ĂŒbernimmt derzeit die ganze Familie.

Die Katze hat derweil instinktiv die Zahl ihrer Patrouillen im Garten und die Quote ihrer Putzartistik erhöht, vermutlich könnte sie die ganze Welt desinfizieren. Sie mag die gar nicht so heimliche Chefin des Hauses sein, aber sie ist eben auch eine geborene HĂŒtekatze, und als solche dreht sie noch ein paar Extrarunden um den KĂŒchentisch, um voodooartig den Schutz des Familienkreises zu stĂ€rken. Abends begibt sie sich als Erste auf das TV-Sofa, die „Tagesschau“ darf nicht verpasst werden. Dann rollt sie sich schnurrend ein und wartet auf die Musik und die Bewegungen, die sie auf dem Fernsehschirm wahrnimmt. (Ihr Lieblingssport war Tennis, manchmal versuchte sie den Ball auf dem TV-Schirm zu stoppen.)

Als Gewohnheitstier hat sie sich inzwischen umgestellt. Wenig kann sie jetzt noch verwirren. Gerne kommt sie gegen 5 Uhr morgens, um uns Köpfchen gebend zu zeigen, wie zufrieden sie ist. Nicht auszudenken, wie Maggie Lucy das Ende der Corona-Krise verkraften wird. Es dĂŒrfte mindestens sechs intensive KatzenwĂ€schen dauern.

Milan Pavlovic, geboren 1965, Kölner mit italienischem Pass, wurde 1970 bei der ersten Ansicht des Schalkers Stan Libuda Sport-sĂŒchtig. 1971, nach dreimaligem Besuch von Harold Lloyds “Der TraumtĂ€nzer” kam das Kino-Fieber hinzu, das 1977, nach zwölfmaliger Begegnung mit dem “Spion, der mich liebte”, gefĂ€hrliche Ausmaße annahm. Seit 1982 stĂ€ndiger freier Mitarbeiter beim Kölner Stadt-Anzeiger, zunĂ€chst fĂŒr die Filmseite, von 1989 bis 2000 auch im Sport. Ebenfalls seit 1982 Chefredakteur der Filmzeitschrift Steadycam, von der bis 2007 insgesamt 50 Ausgaben erschienen – entsprechend lausige letzte Schuljahre, die mit unterdurchschnittlichem Gymnasial-Abschluss gerade so eben gutgingen. Überdurchschnittlich die Vorliebe fĂŒr Tennis, wohlgemerkt seit dem Wimbledon-Finale 1975 zwischen Arthur Ashe und Jimmy Connors. Von 1997 bis Anfang 2000 Sportredakteur beim Kölner Stadt-Anzeiger, danach Wechsel zur SZ, also auch Umzug nach MĂŒnchen. Lieblingssportarten: Tennis, Schalke 04 (trotz Möllemann, Möller und Gazprom!), Golf, Fußball, Basketball (nur NBA!), Baseball. – Lieblingsfilme: “Es war einmal in Amerika”, “Possession” (der mit Isabelle Adjani!), “The Wild Bunch”, “The Purple Rose of Cairo”, “No Country For Old Men”, “The Searchers”, “Diner”, “North By Northwest”, “New York, New York”. – Lieblingssportler: Roger Federer, Boris Becker (aber wirklich nur als Sportler!), John Elway, Joe Montana, Michael Jordan, John McEnroe. (Huch, bis auf Federer sind schon alle zurĂŒckgetreten.) – Lieblingsautorin: Brigitte Desalm. Lebt abwechselnd in MĂŒnchen und BrĂŒhl.