Kunst und Kultur erweitern die Realität

Livemusik und Konzerte in Zeiten von Corona

von Jenny Thiele

Musiker und Künstler sind hart getroffen von der gegenwärtigen Situation: Eine unsichere Lage bis hinein in 2021 lässt viele Musiker und Veranstalter nun nach virtuellen Alternativen suchen, während andere vor der Herausforderung des Unplanbaren kapitulieren. Eine Branche, die zuvor bereits mit der Disruption der Digitalisierung zu kämpfen hatte, steht nun unter dem großen Innovationsdruck sich neu zu erfinden und kreative Lösungen zu finden.

Jenny Thiele tritt auch während der Corona Krise weiter auf. Foto: privat

Schon immer ziehen Filme und Bücher meinen ganzen Körper in ihren Bann. Meine eigene Realität fühlt sich durch die gesehenen und gelesenen Geschichten erweitert an, als würde ich den Moment nicht nur durch meine Augen, sondern gleichzeitig auch durch die Augen einer Kamera oder einer Autor*in erleben. Filme und Bücher wirken auf mich plastisch, ich schmecke das Essen, ich bekomme Lust auf das gleiche Getränk. Ich fühle mit, weine und fluche. Zwei Welten vermischen sich. Fiktion und Realität. 

Theater, Tanzperformances oder Zirkus lassen mich mein Potential als Mensch spüren, sie durchdringen mich, halten mir einen Spiegel vor und inspirieren mich über mich selber hinauszuwachsen. Sie spiegeln die Realität.

Musik packt mich, ohne dass ich mich dagegen wehren kann, ganz tief im Inneren. Sie macht mich stark, macht mich wild, leidenschaftlich oder sentimental und ich vergesse mich selber und meine Realität für einen Moment. Durch Musik bin ich lebendig, unperfekt und 3 dimensional. 

Die Corona-Zeit macht mich hingegen schleichend 2 dimensional. Vieles von dem, was wir eigentlich in Echt erleben würden, „erleben wir gerade vor dem Bildschirm in Streams, Konferenzen und Videos. Unsere Wirklichkeit wird verschoben auf ein flaches Medium und wird somit nach und nach selber zweidimensional.

Ich bin Aktionistin, ich mache lieber erstmal, als dass ich zu lange nachdenke. Deswegen habe ich unter anderem seit Beginn der Pandemie Livestream-Konzerte mit Fortuna Ehrenfeld oder als Solokünstlerin gespielt, anstatt mich in meinem zweidimensionalen Gefühl zu vergraben. 

Für mich persönlich waren die Livestreams eine sehr interessante Erfahrung, ein künstlerisches Experiment, alle vier ganz unterschiedlich. Die Möglichkeit Menschen gleichzeitig an verschiedenen Orten in der Welt live zu erreichen, begeistert mich und das unbekannte Format reitzt mich, weil ich gerne Neues ausprobiere.

Den ersten Fortuna Ehrenfeld-Stream aus dem Alten Pfandhaus in Köln haben wir eine Woche vor der Kontaktsperre über den Kanal von WDRforyou, der Geflüchteten in Deutschland Nachrichten und Kultur in vier Sprachen bietet, gestreamt. In Hinblick darauf, dass dies die vorerst letzte Möglichkeit zu sein schien mit mehreren Menschen in einem Raum zu sein, plus die aufkommenden Grenzschließungen, war das ein sehr emotionaler Stream und irgendwie ein historischer Moment.

Mein erstes Solo-Livestream-Konzert habe ich bei Lagerfeuer Deluxe live aus dem JAKI-Club Köln gespielt und war hierbei sehr neugierig und unvoreingenommen, weil dies mein erstes eigenes Live-Konzert online war. Am liebsten bereite ich mich auf Konzerte vor, indem ich den Tag davor komplett in Stille verbringe, um alle Energie für den Abend anzusammeln. Auch für dieses Konzert habe ich tagsüber geschwiegen und war abends quietschfidel und voller Bock, Musik zu machen. Dass es kein Publikum gab und nach den Songs absolute Stille im Club herrschte, konnte ich sehr gelassen nehmen und durch die Kamera mit den Menschen vor den Screens kommunizieren.  

Über die Autorin: Jenny Thiele ist Sängerin, Musikerin und Performerin aus Köln.Sie arbeitet als freischaffende Künstlerin und tritt mit ihren eigenen Kompositionen auf, schreibt und performt für Tanztheaterproduktionen oder begleitet derzeit die deutsche Indieband „Fortuna Ehrenfeld“ an den Keyboards / Synthesizern. Ihr musikalischer Fokus liegt auf experimenteller und alternativer Popmusik und wird oft als expressiver, theatralischer Stil bezeichnet.

Beim zweiten Jenny Thiele-Stream, den ich mit meiner Kollegin Johanna Stein am Cello aus dem Blue in Green Studio über Feierabend TV gesendet habe, fiel es mir sehr schwer nach dem Konzert mit der ganzen Energie in meinem Körper umzugehen, weil ich weder meine Kolleg*innen umarmen durfte, noch den Austausch mit dem Publikum als Blitzableiter hatte. Da befand ich mich irgendwo zwischen Hype und Traurigkeit. 

Kurz darauf kam dann der Stream mit Fortuna Ehrenfeld und der Freakademy Cologne, den wir aus dem wunderschönen Gloria Theater in Köln gesendet haben. Unter Einhaltung aller Abstands- und Maskenregeln haben wir da einen freakigen lebensbejahenden Konzertfilm gedreht und die Freude endlich wieder mit anderen Künstler*innen und Techniker*innen zusammen zu arbeiten war riesig! 

Livestream-Konzerte sind ein Mittel jetzt ein bisschen Geld zu verdienen durch Online-Ticketing oder Spendenaufrufe. Das Publikum hat gleichzeitig die Chance sich solidarisch mit den Künstler*innen zu zeigen und gute Unterhaltung zu kassieren. 

Dringeblieben.de hat bisher über 1300 Streams gezeigt und über ein Online-Ticket-System 248.447,53 Euro eingenommen. (Stand 27.05.2020) Feierabend TV finanziert sich über Spenden und garantiert allen Musiker*innen und Techniker*innen gleichermaßen 100€, während sie selber komplett ehrenamtlich arbeiten. WDRforYou finanziert sich über öffentliche Gelder. Apropos öffentliche Gelder: 

Lieber WDR Rockpalast, „Back Home Corona Sessions“ in allen Ehren. Wir waren mit Fortuna Ehrenfeld zu einer Session im menschenleeren Schloss Drachenburg eingeladen und hatten einen mega Nachmittag mit sehr netten Kollegen. Bisher konnte ich aber nur zwei Musikerinnen in dem Format entdecken. Und keine Manangerinnen, Produktionsleiterinnen oder Veranstalterin. 

Zurück zum Livestreamen: Nicht alle Künstler*innen sind digital ausreichend aufgestellt, nicht jede Kunstform funktioniert online, was viele Kunstschaffende aktuell in eine existentielle Krise bringt. Morgenmagazin-Beitrag

Die Soforthilfen des Bundes für Soloselbstständige und Künstler*innen sind unübersichtlich und schlichtweg nicht auf die Lebensrealität von Künstler*innen angepasst.  Sie sind zweidimensional!

Ein Grundeinkommen für professionelle Künstler*innen und Anerkennung der künstlerischen Arbeit als systemrelevant wäre hingegen eine gute, dreidimensionale Lösung. Ein Experiment in Finnland 2017/2018 hat beispielsweise gezeigt, dass die Motivation der Menschen mit einem Grundeinkommen steigt. (taz 26.05.2020

Unser Leben wird sich mehr und mehr ins Digitale verschieben, das ist unaufhaltsam. Ich habe keine Angst davor. Wir werden auch als Künstler*innen damit umzugehen lernen, neue Formate entwickeln und uns kreativ austoben. 

Aber mir scheint, noch befinden wir uns in einem Zwischenstadium, in dem diese augmented reality noch am Anfang steht. Dadurch bleibt die digitale Erfahrung eben noch sehr flach. Vielleicht wird das für kommende Generationen schon ganz anders sein. Evolution. Mensch 4.0. 

Noch sind wir aber Menschen 3.0, wir brauchen Nähe, Schweiß, Blicke, Berührungen, Vibes und Energie. Streaming kann ein echtes Live-Erlebnis nicht ersetzen. Weder fürs Publikum noch für die Künstler*innen. Deswegen müssen wir, so schnell es im Rahmen der Corona-Maßnahmen möglich ist, in die öffentlichen dreidimensionalen Kulturräume zurück, bevor wir ganz flat werden. 

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