In der Krise intuitives Essen lernen

„Essen wenn man Hunger hat – und aufhören wenn man satt ist“.

von Vanessa Rahmann

Eigentlich ganz einfach – oder doch nicht? 

Alle Krisen bieten auch Chancen, was auch in der Corona-Zeit gilt. Durch die Corona-Pandemie haben wir im Alltag mit zahlreichen Regeln und Einschränkungen zu kämpfen. Wie befreiend kann es da sein, beim Essen einfach nur auf seinen Körper zu hören. Auch die Umstände, die Corona mit sich bringt, können uns unterstützen, den Weg zurück zu intuitivem Essen zu finden. Viele arbeiten im Homeoffice, verbringen viel Zeit zu Hause und müssen sich somit auch selber versorgen. Wie schön wenn uns dann unsere Intuition sagen kann, was wir denn gerade essen sollen, um wieder energiegeladen und glücklich zu werden.

Begründerinnen der Theorie des intuitiven Essens waren die Amerikanerinnen Evelyn Tribole und Elyse Resch, die 1995 das Buch „Intuitiv abnehmen“ veröffentlichten. Ihre Definition von intuitivem Essen war eine Ernährung, bei der nur auf die Körpersignale gehört wird, ohne strikte Regeln und Verbote und möglichst ohne Einflüsse von außen.  

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Tatsächlich ist diese Ernährungsweise eigentlich ein alter Hut, denn wir konnten das alle mal. Es ist uns sozusagen in die Wiege gelegt. Kinder sind das beste Beispiel hierfür. Sie machen sich keine großen Gedanken darum, was, wann, wie und wieviel sie essen. Sie orientieren sich an ihren Körpersignalen. Sie essen, wenn sie Hunger haben, und hören auf damit, wenn sie satt sind. Dabei essen sie in der Regel auch das, was Ihnen gut tut, denn sie essen genussorientiert. 

Die Körpersignale der Kinder erfühlen

Leider geht uns diese wichtige Ressource mit zunehmendem Alter verloren. Diese Entwicklung hat verschiedene Gründe und ist bei jedem Menschen individuell und anders gelagert. Unser Essverhalten ist von zahlreichen äußeren Einflüssen geprägt. Nicht nur das unfassbar große Lebensmittelangebot in den Supermärkten und die zahlreichen Restaurants an jeder Ecke spielen eine Rolle, auch Tradition, Kultur und Gewohnheiten sowie der Wunsch nach Gesundheit und  idealen Körpermaßen beeinflussen unser Essverhalten enorm. Essen ist zudem ein sehr präsentes Thema in allen Medien. Beinahe täglich wird über ein neues Superfood oder die Wunderdiät berichtet. Diese ständig neuen Ernährungstrends entfernen uns immer mehr von dem, was unser Körper wirklich braucht. Essen ist eine grundlegend individuelle Sache. Jede Person hat einen anderen Geschmack, andere Vorlieben, einen anderen Essalltag. Jeder Mensch ist anders und isst auch anders. Somit kann es gar nicht den einen richtigen Weg geben, sich gut und gesund zu ernähren. Jeder Einzelne ist selbst der Experte für seinen eigenen Körper. Der sagt uns, was wir brauchen, wir müssen nur wieder lernen hinzuhören. Bewusst essen, anstatt vorm Fernseher. Äußere Einflüsse ausblenden und nach Innen hören. Das kann zunächst eine große Herausforderung sein. Vor allem Menschen mit einer langen Diätkarriere wird dies erstmal schwer fallen, da sie gelernt haben, Körpersignale bewusst zu ignorieren. Doch wir können wieder lernen, auf unser Bauchgefühl (im wahrsten Sinne des Wortes) zu hören. Viele werden sich fragen, was ist, wenn meine Intuition mir sagt, ich brauche täglich dringend fünf Tafeln Schokolade? Wichtig ist, Geduld mit sich zu haben und zu verstehen, dass das Wiedererlernen, die eignen Körpersignale zu beachten, ein Prozess ist. Je länger wir üben und je achtsamer wir dabei mit uns selbst sind, desto mehr wird das natürliche Verlangen nach energiespendenden, frischen und unverarbeiteten Lebensmitteln steigen.

Slowing down

Für den Anfang reicht es, wenn man einfach mal versucht langsamer zu essen um so dem Sättigungsgefühl eine Chance zu geben. Im nächsten Schritt kann man sich fragen, ob es denn jetzt wirklich die ganze Tafel Schokolade sein muss? Was steckt hinter meinem Bedürfnis nach Schokolade? Denn nicht nur vorgegebene Mittagspausenzeiten und zugeteilte Portionsgrößen beeinflussen unser Essverhalten, oft spielen auch emotionale Befindlichkeiten eine Rolle. Diese Zusammenhänge für sich bewusst zu machen ist ein erster wichtiger Schritt in Richtung intuitivem Essen.

Eat what makes you happy

Ein guter Leitsatz ist: „Eat what makes you happy!“. Denn nicht nur die Nährstoffe aus dem Essen sind für unseren Körper wichtig, auch unsere Seele will profitieren. Essen soll uns glücklich machen. Neuere Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass intuitives Essen genau das bewirkt. Es fördert eine positive Grundstimmung, macht uns glücklicher und erhöht die Wertschätzung für den eignen Körper. 

Tipps zum intuitiven Essen

  • Genuss in den Mittelpunkt stellen
  • Keine Regeln und Verbote
  • Essen ohne Ablenkung (Smartphone, Fernseher, Zeitung)
  • Kleine Portionen nehmen
  • Alle Sinne aktivieren und Geruch, Aussehen und Konsistenz der Speisen bemerken
  • Gründlich kauen
  • Sättigungsgefühl erspüren

Vanessa Rahmann, zertifizierte Ernährungsberaterin, studierte Ernährungswissenschaften mit dem Schwerpunkten Kommunikation und Erwachsenenbildung. Sie arbeitete bereits für große Konzerne und führte Ernährungsprojekte für das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung durch. Seit 2016 leitet sie die Ernährungstherapie in einer kardiologischen Reha in Bonn.

Vanessa ist erreichbar via email vanessa.rahmann [@] gmx.de