Homo Pharma

Manche haben nicht eine einzige Pille im Haus, andere horten sie kiloweise. Medikamente sind weltweit extrem ungleich verteilt, das zeigt eine Fotoserie.

Erstveröffentlichung auf fluter.de am 9.6.2020

Die einen schwören auf feuchte Wickel oder Inhalieren, die anderen haben für jedes Wehwehchen die passende Tablette parat: Wie wir mit Medikamenten umgehen, ist nicht nur von Familie zu Familie verschieden – weltweit gibt es große Unterschiede. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben mehr als zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu essenziellen Medikamenten. Jährlich sterben 25 Millionen Menschen an Krankheiten, deren Behandlung oder Vorbeugung eigentlich unkompliziert wäre. Medikamente im Wert von sieben Milliarden Euro landen in Deutschland im Müll In Staaten mit einem entsprechenden Gesundheitssystem werden grundlegende Medikamente bezuschusst und sind für wenig Geld in der Drogerie oder Apotheke erhältlich – in vielen anderen Ländern, in denen diese Infrastruktur fehlt, müssen nach wie vor 90 Prozent der Bevölkerung ihre Medizin aus der eigenen Tasche zahlen. Damit werden Erkrankte und ihre Familien häufig in die Armut getrieben. Gleichzeitig gibt es in Europa einen Überschuss: Medikamente im Wert von bis zu sieben Milliarden Euro sollen Schätzungen zufolge allein in Deutschland jährlich im Müll landen – weil sie abgelaufen sind und damit ihre Wirksamkeit nicht mehr gewährleistet ist.

Die weltweiten Ausgaben für Medikamente stiegen seit 2015 um 30 Prozent auf 1,4 Billionen US-Dollar

Der Zugang zu Arzneimitteln verbessert sich aber in vielen Ländern. Weil die Märkte in China, Indien, Indonesien oder Brasilien so rasant wachsen, werden sie „Pharmerging Countries“ genannt. Sie ließen die weltweiten Ausgaben für Medikamente auf 1,4 Billionen US-Dollar wachsen, ein Anstieg um ca. 30 Prozent seit 2015. Und auch Initiativen wie „Access to Medicine Index“ helfen dabei, die Medikamentenversorgung weltweit zu verbessern. Das viel beachtete Ranking analysiert, wie Pharmaunternehmen ihre Medikamente in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen vertreiben – und übt so Druck auf die Konzerne aus.

Der Fotograf Gabriele Galimberti dokumentiert die weltweiten Unterschiede in der Nutzung von Medikamenten. Das Projekt führt ihn in eine Favela Rio de Janeiros, ein Luxusapartment in Miami oder Landhaus in Litauen. Während Menschen in Industrieländern zwischen kommerziellen Medikamenten und natürlichen Heilmitteln navigieren, stellt sich mancherorts gar nicht erst die Frage, ob man industriellen Medikamenten vertraut oder der Heilkraft der Natur: Zu rar und zu teuer sind Pharmazeutika.

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Text und Übersetzung: Nikita Vaillant

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE.