Geschichten als Überlebensstrategie – Inside Surviving Corona Crisis

Wie eine Webseite den Überblick behält in der Ära von COVID-19

Interview geführt von Gerhard Maier

Arne Ludwig, Produzent und Berater mit über zwei Jahrzehnten Erfahrung in Spielfilmen, Dokumentationen und Medienprojekten, ist einer der Köpfe hinter dem Projekt SURVIVING CORONA CRISIS. Was ist SURVIVING CORONA CRISIS? Die Website sammelt Geschichten und Perspektiven, Schlaglichter und Momentaufnahmen zum Thema Corona, herausgegriffen aus dem direkten Erleben oder analytisch herausgezoomt.

Eine Sammlung unterschiedlicher Facetten der aktuellen Lage zwischen COVID-19 und seinen Auswirkungen: Eine umfassende Presseschau, rund um alles, was durch den Coronavirus berührt wird – was, wie wir alle in den letzten Monaten bemerkt haben, so beinahe alles ist – gehört dazu; exklusive Artikel zu speziellen Themen, wie die Artikelserie von Jennifer Fritz, die Aspekte der gegenwärtigen Situation unter der Lupe „Storytelling“ betrachtet ; die immer wieder überraschende Rubrik „C7“  – eine Reihe von sieben Fragen, gestellt an verschiedenste Menschen, die immer wieder für unerwartete Entdeckungen und Einsichten sorgt; und schließlich abrundend, die Candy-Rubrik mit etwas fluffigeren Seitenblicken. 

Kannst Du uns kurz skizzieren, wie das Projekt SURVIVNG CORONA CRISIS zustande gekommen ist und was das anfängliche Ziel war? Hat sich dieses Ziel im Lauf der letzten Wochen eventuell verschoben?

Ich las von Frithjof Klemm am 22.3. in einer Digitalwork-Telegram Gruppe (in die wir beide eher durch Zufall geraten sind), schrieb ihn an und wir zoomten am Mittag das erste Mal.  Bereits nachmittags beschlossen wir gemeinsam mit einigen anderen Menschen etwas Sinnvolles auf die Beine zu stellen. Daraus entstand innerhalb fünf Tagen und Nächten die Förderhilfen-WordPressSeite, die Solo-Selbständigen und Einzelunternehmern Informationen zu Förderhilfen auf Bundes- und Landesebene zur Verfügung stellte. Wir haben das von Anfang an alles pro Bono gemacht. Danke an Saskia Schnell für Illustrationen, Andreas Buth für Info und Redaktionstexte, Hendrik Luehrsen für WordPress-Implementierungen und Peter Pedaci für UX und Operations, einige andere Freunde lasen Korrektur.  

Schnell wurde uns klar, dass wir noch eine weitere, eine „B-Seite“ brauchten, die Content, Texte, Ideen, Anregungen, Medienschau bereitstellt, die aus unserem Bekanntenkreis, auch international, kamen, aber es sollte kein Blog oder simpler Social Media-Erguss werden. Assoziativ hatten wir TEMPO, WIENER, die Magazine der großen Zeitungen und natürlich auch „opinionated“ Webseitenprojekte, MEDIUM, VIVE, you name it… im Kopf. 

Das Ziel war ein Mix aus Information und Unterhaltung herzustellen in guter Optik und lesbar und am besten in diversen Sprachen.

Die „B-Seite“ wurde Surviving Corona Crisis, brauchte jedoch anderthalb mal länger in der ersten Produktion des Online-Gehens – was immer noch sauschnell ist – und nur möglich war, wie schon bei der Förderhilfen Seite durch die enorme Mithilfe von Hendrik Luehrsen (WordPress-Support) und Peter Pedaci (UX)). Hendrik sitzt in München, Peter in Auckland/NZ. Also innerhalb 12 Tagen waren wir online – mit Artikeln und dem Fragebogen. 

Inzwischen sind Autor*Innen wie Jenny Fritz und Daniel Lenz dazugekommen. Daniel hat auch die CvD-Rolle übernommen. Tim Scholz posted täglich auf Insta und FB. Frithjof hat auf seinem FB-Profil über beide Seiten ein kleines Memo geschrieben. 

Zur Frage nach dem Ziel: wir hatten nie ein eindeutiges Ziel – wie beispielsweise Exit, Kommerzialisierung oder Verkauf der Seite – sondern wollten kollaborativ, konstruktiv und schnell arbeiten. 

Ad hoc-Kooperation und -Kollaborationen wie SURVIVING CORONA CRISIS sind zweifelsohne einige der bemerkenswertesten Resultate der letzten Wochen. Worin siehst Du Gründe für diese Art der agilen, spontanen Zusammenarbeit? Glaubst Du, dass diese in der verstärkten Rückkehr zur Normalität Bestand hat? 

Vielleicht hat sich das Ziel dahingehend verschoben, dass wir nach knapp anderthalb Monaten immer noch wöchentlich eine Presse-  und Medienschau hinbekommen und neue Artikel aus unseren Reihen, als auch von Gastautoren sowie Zweitveröffentlichungen sowie (leider immer noch zu wenig) Candy Content, aber eigentlich zeigt das nur, wie erfolgreich wir weiterhin mit Zoom, Trello und Telegram kooperativ arbeiten.

Das ist tatsächlich spannend, wobei ich das auch in früheren Projekten schon so gemacht habe, aber es hat durch COVID-19 natürlich eine andere Dimension der Verlässlichkeit bekommen. Ich habe auch den Eindruck, dass ein Projekt wie SCC mehr Raum hat, weil nahezu niemand für das Thema Reisen muss. Andere Jobs machen wir alle ja, aber die Reisewege und Live- und Präsenzmeetings sind (vorerst) weggefallen. Ich wünsche mir mittelfristig da wieder ein wenig mehr Ausgeglichenheit, damit nicht nur noch gezoomt und home-geworked werden muss, auf der anderen bin ich durch einen angeborene Immundefekt Teil der Risikogruppe und bleibe vorerst „at home“. 

Wenn man sich derart intensiv mit dem Thema Corona beschäftigt, erhält man dadurch eine andere Perspektive? Sieht man Meta-Trends oder blinde Flecken der Berichterstattung, die sich normalerweise eher nicht zeigen?

Das kann ich nicht beurteilen, denn ich bin weder Wissenschaftler im medizinischen noch im soziologischen Sinne. Zudem fehlen mir schlicht die Erfahrung und die Daten. Aber auf der Gefühlsebene gehören Corona und die Auswirkungen jetzt schon zu den großen, nicht mehr wegzudenkenden „Life Moments“. Mehr noch als der 11.September, vielleicht nicht mehr als die Geburt meiner beiden Kinder, aber mit Sicherheit ebenso nachhaltig. Aber ich hatte schon früh – als Arbeitskollegen und Freunde meinten, dass der Wuhan-Virus uns nichts anhaben wird – das Gefühl, dass das bleibt. Ich bin dann auch Anfang März zuhause geblieben – Ischgl und die Homeoffice-Ära kamen erst anschließend – hauptsächlich, weil ich Angst hatte mich anzustecken. Ich lese nach wie vor sehr viel zu dem Thema, wie die New York Times, den Guardian, Blogs und Social Media.

Mit dem (meines Wissens nach in dieser Form einzigartigen) CR7-Fragebogen – sieben Fragen rund um die Krise, die verschiedenste Menschen beantworten – sammelt ihr Erfahrungen und Gedanken auf eine sehr unmittelbare Art. Wie entstand die Idee zu diesem Kaleidoskop? Kann man daraus ein generelleres, breiteres Meinungsbild ableiten? 

Die Idee entstand in zwei Zooms, um einen Türöffner zu Menschen zu haben, um ähnlich wie in der Süddeutschen Zeitung ein Thermometer für Stimmungen zu haben.

Moinsen! Um Euch kurz abzuholen, wir hatten jetzt 2 sehr konstruktive Redaktionskonferenzen und wir wollen asap einen Fragebogen mit 7 scharfen Fragen an Musiker, Künstler, Entrepreneure, Schauspieler, Initiatoren, Wissenschaftler etc pp im In- und Ausland schicken, damit wir Video, Audio, geschriebenen Content erhalten für die B-Seite. Außerdem suchen wir Influencer, Testimonials usw. wenn ihr Ideen habt und Kontakte gerne in Trello ergänzen oder bilateral. Danke!

Telegram Eintrag vom 9.4.

Die folgenden Fragen sind die des C7-Fragebogens, den ihr Künstlern, Medienleuten, Bekannten und Unbekannten schickt, um ihren Weg durch die Krise zu beschreiben. Wie sehen Deine Antworten dafür aus? 

Der C7-Fragebogen gibt ein sehr schönes Stimmungsbild der Befragten wieder. Am besten auf SCC selber lesen. Es ist heute auch das erste Mal, dass ich ihn selbst ausfülle.

Was überrascht Dich in der Krise?

Wie schnell und toll meine Kinder sich an die Home (office, schooling, living) Situation angepasst haben. Dass die Gesellschaft im Allgemeinen sehr schnell angenommen und zivilisiert den Lockdown ausgehalten hat. Dass ich Business-Reisen nicht vermisst habe. Dass ich Kino, Konzerte und Restaurants zwar vermisst habe, sie mir aber weniger wichtig sind als viele andere Themen gerade. 

Das erneute Aufkommen der Rechten und Ignoranten (dabei war die AFD gerade verstummt…) Dass Trump sich noch halten kann. Dass gefühlt so viele Leute gegen alles mögliche sind. Dass alle von der Rückkehr zur Normalität sprechen. Ich denke, es wird diese so nicht mehr geben, dafür werden wir anders weitermachen… 

Was mich allerdings anfänglich am meisten überrascht hatte, war die Tatsache, wie wenig die Politik und die Gesellschaft auf solch eine Pandemie vorbereitet war. Ich dachte, es gibt für alles Pläne.

Was hilft Dir dabei, im Lockdown nicht durchzudrehen?

Fitness, Kochen, Routinen entwickeln. Zeit mit meiner Familie zu haben. Viel Musik hören (Jon Hopkins – Singularity – stellvertretend für unzählige andere Alben…). 

Welche Serie/ welches Buch / welcher Film hilft Dir durch die Krise?

Lesen, also Fiktion war Anfangs total schwierig, weil ich für die Förderhilfen-Seite, die Surviving Seite und meinen Job sowieso so viel lese. Serie: This Is Us / Amazon Prime. Großartig durch die Zeitsprünge innerhalb und außerhalb der Generationen (Jonathan Franzen hat das ja „nur“ in Romanen angeteast). Außerdem haben wir einen Pool aufgebaut, weil der Sommerferien-Bretagne-Trip dieses Jahr ausfällt. 

Was macht Dir Angst?

Die Ignoranz und das Powergame von Trump und vieler anderer männlicher Führer… ich war deswegen auch sehr dafür, Jennifer Fritz Männlichkeits-Narrative-Artikel auf SCC zu bringen. 

Nach wie vor, dass ich mich anstecken kann, aber dieser Challenge trete ich jeden Tag neu entgegen und bin da ganz zuversichtlich. Und dank meiner Familie muss ich immer noch nicht wieder in den Supermarkt! 

Was gibt Dir Hoffnung?

Slowin‘ down… Think Twice. Endlich neue Rezepte ausprobieren! reduce, reuse, recycle… 

Dass wir lernen als Menschen auf dem Planeten nahhaltiger und verantwortungsvoller gemeinsam zusammenzuleben, ob FridaysforFuture, Campact, #BlackLivesMatter, Verbrennungsmotoren endlich als Auslaufmodell zu verstehen, hoffentlich mehr Verständnis für Flüchtlinge und die Umwelt aufzubringen…

Die Welt 2021

Wird hoffentlich nicht wärmer und wenn, dann nur, weil wir wieder mehr Freunde treffen und wieder Partys feiern

Was hast du ganz persönlich aus dieser Krise gelernt?

Dass es drauf ankommt im richtigen Umfeld zu leben und professionell mit dem richtigen komplementär funktionierenden Team zu arbeiten… daran arbeite ich auch gerade wieder im Prozess meiner (erneuten) Selbstständigkeit als Media Producer. Und eins nach dem anderen zu machen (oder es zumindest zu versuchen). 

Lars Jessen antwortete in seinem C7, dass in der Quarantäne das Landleben gewinnt das kann ich bestätigen!

Das Interview erschien zuerst im Plot Magazin.

Über den Autor: Gerhard Maier arbeitet seit über 10 Jahren in der Film- und Fernsehbranche, und gründete das „Seriencamp“, Deutschlands erstes Festival, das sich ausschließlich dem seriellen Geschichtenerzählen widmet.