„Die Sicherheitsvorkehrungen auf dem Schulweg funktionieren nicht“

In einigen Bundesländern enden allmählich die Ferien, darunter im einwohnerstärksten Bundesland NRW. Viele Eltern schicken ihre Kinder mit mulmigen Gefühlen wieder in die Schule, weil sie Zweifel an den Sicherheitsvorkehrungen für den Regelbetrieb inmitten einer Pandemie hegen. Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrates, über fehlende Rahmenvorgaben, digitalisierungsfeindliche Lehrer, übertriebenen Datenschutz – und das Szenario einer „zweiten Welle“.

Seit mehr als vier Monaten beschäftigt Covid 19 die Gesellschaft, auch Eltern, Lernende und Lehrende. Auf der internationalen Bühne gilt Deutschlands Handeln als vorbildlich. Wie lautet Ihre Zwischenbilanz mit Blick auf das Thema Bildung und Schulen, was ist gut und schlecht gelaufen?

Stephan Wassmuth: Es gibt nicht nur „gut“ und „schlecht“, sondern oftmals sowohl als auch! Der Bundeselternrat dankt hier stellvertretend für alle zufriedenen Eltern denjenigen Bildungsbeteiligten, die hochmotiviert, kreativ und weit über das normale Zeitmaß hinaus das Beste für die Lernenden geben.

Es zeigte sich allerdings unter dem Brennglas von Corona auch, dass

  • die Konzepte zur Digitalisierung der Schulen noch nicht tragfähig waren
  • die digitale Ausstattung einschließlich entsprechender Bandbreiten unzureichend ist
  • die unzureichende Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrenden ein Hemmschuh sind
  • der Lehrermangel sich verstärkt
  • der Bau- und Sanierungsstau bei Schulgebäuden erheblich ist
  • Kommunikationsdefizite vorhanden sind und
  • der Bildungsföderalismus zusätzlich bremst.

Vieles wurde angepackt; quer durch die Gesellschaft.

„Wir vermissen ein abgestimmtes Öffnungskonzept auf Bundesebene“

Zu Ihrem letzten Punkt: Die Länder können selbst über die Geschwindigkeit und Ausgestaltung der weiteren Lockerungsschritte bei den Schulen entscheiden. Führt der Föderalismus dort in die Irre?

Lockerungen machen nur Sinn unter Beachtung der örtlichen (bis ganz runter) Gegebenheiten und Möglichkeiten zur Einhaltung der jeweils aktuellen Corona-Verordnung. Daher hat der Föderalismus bei nur geringen und örtlich begrenzten Ausbruchsgeschehen seine Stärken. Allerdings vermissen wir ein abgestimmtes Öffnungskonzept auf Bundesebene, das bundesweit durch wissenschaftliche Forschung eng begleitet wird. Darüber hinaus vermissen die örtlichen Schulen und Schulträger nicht nur die finanzielle Unterstützung hinsichtlich der Umsetzung vor Ort.

Sie haben vor diesem Hintergrund von einem „großen Wirrwarr” gesprochen. Wie äußert sich das konkret? Was berichten Ihnen Eltern?

Das Problem entsteht vor allem durch die viel zu kurzfristig erfolgenden Informationen an die Schulleiter, die sich ja dann oft wegen notwendiger Anschaffungen bis hin zu notwendigen baulichen „Installationen“ erst noch mit dem Schulträger in Verbindung setzen müssen.
Hinzu kommen die von Schulleitern vorzunehmenden Planungen von Unterricht und Lehrereinsatz und die entsprechende Kommunikation mit den Eltern und Lernenden.
Für Familien mit Kindern auf unterschiedlichen Schulen gegebenenfalls sogar noch in unterschiedlichen Schulbezirken ist das oft ein heilloses Informationsdurcheinander.

„Es muss bundeseinheitliche Rahmenvorgaben geben“

Wie könnte ein „roter Faden” aussehen, den Sie sich gewünscht haben?

In einer solchen Krise muss die Einbeziehung aller Vor-Ort-Beteiligten bis hin zu den Eltern – was den Informationsfluss anbelangt – intensiviert und nicht, wie vielfach geschehen, minimiert bis abgebrochen werden. Und es muss bundeseinheitliche Rahmenvorgaben mit Evaluationen geben, was z.B. die Gefährdungsbeurteilungen für die Bildungseinrichtungen, aber auch Veranstaltungen anbelangt.

Die Schulen haben zum Teil schon wieder geöffnet. Funktionieren die Sicherheitsvorkehrungen auf dem Schulweg (Busse, Bahnen) und in den Schulen aktuell nach Ihren Erfahrungen?

Eindeutig nicht. Wie kann es sein, dass im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und Schülerverkehr die Einhaltung von Abstandsregeln und Hygienevorschriften nicht überprüft wird, die Schulen dies aber gewährleisten sollen?

Die mangelnden hygienischen Bedingungen an den Schulen dürften Sie kaum überrascht haben. Schon vor Corona waren viele Schultoiletten, wie Sie selbst moniert haben, in einem verheerenden Zustand – wie sollten da die wesentlich anspruchsvolleren Corona-Hygienemaßnahmen gelingen?

Schwerlich, wobei die Schulleiter hier ihr Bestes geben; in Abhängigkeit ihrer Möglichkeiten. Auf die mangelhafte bis desolate Ausstattung von Schulen hat der Bundeselternrat bereits in der Vergangenheit immer wieder deutlich hingewiesen und gemeinsam mit „german toilet organisation“ im Jahr 2019 einen Wettbewerb ausgerufen.

Für die Wirtschaft gab es auf Bundesebene rasch einen Masterplan, nicht jedoch für die Bildung und Schulen. Was hätte darin an oberster Stelle festgehalten werden müssen?

In erster Linie, welche Plattformen Schulen, Lehrer, Schüler und Eltern bundesweit kostenfrei und vor allem datenschutzkonform nutzen können. Und wie die Ausstattung aller Lehrenden und Lernenden kostenfrei erfolgen kann. Hier hätte die Bundesregierung ihre guten Verbindungen in die Wirtschaft nutzen müssen.

„Es gibt Lehrkräfte, die sich jeder Art des digital gestützten Unterrichts verweigern“

Während des Lockdowns gab es sehr unterschiedliche Bemühungen der Schulen, digitalen Ersatzunterricht anzubieten. Zum Entsetzen vieler Eltern hat es an vielen Schulen sehr lange gedauert, dies zumindest in Angriff zu nehmen – an manchen Schulen wurde dies bislang immer noch nicht umgesetzt. Wie erklären Sie sich diese fatalen Zustände hinsichtlich der Digitalisierung?

Zum einen natürlich in den sehr unterschiedlichen kommunalen Haushalten. Bildung hängt in Deutschland schon lange nicht mehr nur vom Geldbeutel der Eltern ab, sondern auch von den kommunalen Haushalten.
Zum anderen aber in der skandalös negativ heterogenen Lehreraus-, fort- und -weiterbildung, denn bis heute gibt es Lehrkräfte, die sich jeder Art des digital gestützten Unterrichts verweigern, und selbst hochmotivierten Schulleitern fehlt hier oft die Steuerungsmöglichkeit.

Und sicher auch an dem Irrglauben, jedes Kind verfüge heutzutage über jedes digitale Endgerät und über stabile Internetzugänge oder ausreichende bis reichliche Mobile-Daten-Volumina. Und der Irrglaube, dass das „Ausdrucken von Arbeitsblättern“ schon digitale Bildung bedeutet; geschweige denn, dass das zu Hause komplikationslos erfolgen kann.

Es gibt Lehrer, die sich partout wehren, überhaupt einen Computer für die eigene Arbeit einzusetzen, etwa um Mails zu beantworten. Sind das Einzelfälle? Wie digital sind die Lehrer in Deutschland insgesamt?

Genaue Zahlen dazu gibt es nicht und würden ganz sicher – sofern von den jeweiligen Bildungs- und Kultusministerien in irgendeiner Form erhoben – auch nie veröffentlicht werden.

„Datenschutz ist das größte Hindernis“

Wer hat digital am stärksten ausgebremst, der Bund, die Länder, die Schulen – oder die Eltern?

Bund und Länder sowie die Kommunen. Bis heute sind viele Schulträger nicht in der Lage gewesen, Gelder aus dem Digitalpakt abzurufen.

Unter den Eltern gibt es prozentual nur wenige Digitalisierungsverweigerer, auch wenn es die Sorge gibt, dass es z.B. nicht altersgerecht vermittelt wird. Vielen Familien fehlt es einfach am nötigen Know-How und der notwendigen Infrastruktur.

In Schweden wurde der Unterricht in den vergangenen Monaten schnell und unkompliziert ins Freie verlagert, und bei schlechtem Wetter fiel die Schule einfach aus – was hierzulande Bürokraten verhindert hätten. Passt die Einschätzung, dass Bürokraten und Datenschützer hierzulande oft der Flaschenhals sind?

Absolut und gerade der Datenschutz ist hier mit Abstand das größte Hindernis. Damit ist nicht gemeint, dass wir auf Datenschutz verzichten wollen. Allerdings sollte sich der Datenschutz in Krisensituationen einfach und verständlich anpassen lassen.

„Präsenzunterricht gekoppelt mit qualitativem Fernlernunterricht“

Viele Schüler sind in der Corona-Zeit verloren gegangen, haben Sie festgestellt. Was ist da schief gelaufen? Wie können die Kinder wieder „gefunden”, also eingebunden werden?

Lehrende, die schon immer gerade die Lernenden mit den größten Unterstützungsbedarfen fest im Blick hatten, haben diese auch jetzt in der Krise gut unterstützt.
Für alle anderen wird Deutschland nicht erst mit Beginn des neuen Schuljahres viel Geld und Man(Women)power zur Verfügung stellen müssen, wenn wir nicht rund ein Viertel einer Schülergeneration bildungsmäßig verlieren wollen.

Viele Eltern fragen sich, wie es nach den Sommerferien weitergeht – erst recht, falls es eine zweite Corona-Welle geben sollte. Wie sieht Ihr Szenario aus, für den Fall, dass die Infektionszahlen insgesamt niedrig bleiben – und für den Fall einer „zweiten Welle“?

Der Bundeselternrat erwartet von den Bundesländern, dass sie das Szenario einer zweiten Welle bereits jetzt fertig geplant haben, d.h. Präsenzunterricht gekoppelt mit qualitativem Fernlernunterricht.
Von der Gesellschaft wiederum erwartet der Bundeselternrat, dass man analog des jeweiligen Infektionsgeschehens sein Verhalten ausrichtet und auf Großveranstaltungen, Versammlungen, Konzerte, Familienfeiern und Urlaube verzichtet, wenn das Risiko einer zweiten Welle dadurch erhöht wird. Die entsprechenden gesetzlichen Regelungen sind vom Bund zu treffen.