Die Konstruktion der Welt

Von Verschwörungstheorien und Verschwörungen

Von Gerhard Maier

Nie zuvor sind in den letzten Jahrzehnten in Deutschland Verschwörungstheorien derart sichtbar in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Die Geschichte der USA hingegen scheint durchzogen von dem Glauben an böswillige Kräfte, die im Geheimen versuchen, das Weltgeschehen zu lenken. Eine Spurensuche nach den Wurzeln eines fehlgeleiteten menschlichen Impulses, Geschichten zu spinnen. 

Just because I’m paranoid, Delmore Schwartz used to say, doesn’t mean I don’t have enemies.” schreibt Jospeph Heller in seinem Klassiker „Catch-22“ und ist damit erster verbürgter Autor eines Spruchs, der in Kreisen der Gegenkultur der späten sechziger und frühen siebziger Jahre kursierte. Ein Zitat, das gleich mehrfach anderen bekannten Persönlichkeiten zugeordnet wurde: Henry Kissinger, Kurt Cobain, Terry Pratchett, Woody Allen oder – interessanterweise – dem amerikanischen Autor Robert Anton Wilson.

Diskordianer gegen Illuminaten

Letzterer ist fraglos einer der ungewöhnlichsten Kandidaten für diese Andichtung, schließlich wirft sein opus magnus „Illuminatus“ von 1975 als perfekter popliterarischer Sturm eine Vielzahl von Verschwörungstheorien und urbanen Mythen zusammen, um daraus ein gar wundersames Gebräu entstehen zu lassen: Die Ermordungen von John F. Kennedy, Robert Kennedy und Martin Luther King Jr., durch Mafia, Papst und CIA, Thomas Jeffersons Freimaurertätigkeit, das Doppelleben von John Dillinger, geheime Endsiegtechnologie der Nazis, Atlantis oder versteckte Symboliken auf Dollarscheinen, die geheime wahre Bedeutung der US-Flagge und natürlich die titelgebenden und allgegenwärtigen Illuminaten sind dabei nur einige der Plotpunkte im epischen Kampf der freiheitsliebenden Diskordianer gegen Unterdrückung einer geheimen Herrscherklasse. Entstanden war „Illuminatus“ während jener Zeit, als Wilson und sein Ko-Autor Robert Shea für das Playboy-Magazin arbeiteten und täglich mit per Leserbriefen eintrudelnden, wilden Verschwörungstheorien konfrontiert wurden. Gleichzeitig bastelten beide an einer „fake history“ für die Religion des Diskordianismus, die mit dadaistischer Ernsthaftigkeit Dogmen und Schismen großer Weltreligionen parodierte. Ähnlich dem, was heutzutage die Church Of The Flying Spaghetti Monster unternimmt. 

Wilson baute in weiteren Büchern die von ihm geschaffene Mythologie aus, warf Numerologie, Quantentheorie und östliche Mystik mit ins Rennen und wurde von Verschwörungsanhängern prompt als Regierungsagent bezichtigt. Wilsons angebliche Mission: Die Verschleierung der von ihm in seinen Büchern beschriebenen Wahrheit, indem er sie ins Lächerliche zog. Die Anschuldigung: Als Doppelagent und Agitator sollte Wilson die Wahrheitssuchenden vom Weg abbringen. Ein Buch, das sich über die paranoide Mentalität an den Gesellschaftsrändern belustigte, wurde selbst zum Ziel von Paranoia. 

Wenn Fiktion zu Fakt wird

Doch damit nicht genug: Die von Wilson und Shea in ihren Romanen herbeifabulierten Zusammenhänge wurden ironischerweise von Verschwörungsjüngern als gedankliches Sprungbrett genutzt und in eine breitere Mythologie des Paranoiden integriert. Die offensichtliche Fiktion wurde zum vermeintlichen Fakt umgearbeitet. Doch es gab 1975 offensichtliche Gründe, den offiziellen Verlautbarungen keinen Glauben zu schenken und selbst den wilden Geschichten eines Autorenduos Gehör zu geben. Das Ende des Sommers der Liebe, an dem sich die Welle der Euphorie ob einer kommenden Zeitenwende an der kalten Realität von Radikalisierung, Drogen und Paranoia brach, hallte noch nach. Politische Dynamiken hin zu extremeren Ideologien hatten Bürgerrechts- und Studentenbewegung sowie Anti-Kriegslager zunehmend in sich selbst gespalten, der Verve und der Optimismus der vorhergehenden Jahre waren verflogen. 

Zudem hatte sich das eingangs erwähnte Zitat für viele Anhänger der Linken und der unterschiedlichen Reform- und Protestbewegungen als wahr erwiesen: Das latente, paranoid wirkende Gefühl, im Visier der Staatsmacht zu stehen und von institutionalisierten, organisierten und strategisch agierenden Kräften davon abgehalten zu werden, strukturelle Änderungen herbeizuführen, hatte sich ab 1971 bestätigt. Im Rahmen des Cointel-Pro-Skandals wurden Beweise gefunden, dass das FBI seit 1956 im Namen der nationalen Sicherheit durch verschiedene Taktiken wie psychologische Kriegsführung, Unterwanderung, Erpressung und Ermordung Aktivisten aus Bürgerrechts- und Friedensbewegung, politischen Randgruppen oder Organisationen wie Black Panther, AIM (American Indian Movement) und Nation of Islam an ihrer Arbeit hinderte. Die „counter-intelligence“-Operationen, zu der auch die Bewaffnung und Ausbildung einer rechtsextremen, paramilitärischen Gruppierung zählten, schienen bester Beweis dafür, dass die Grenze zwischen Verschwörungstheorie und tatsächlicher Verschwörung lediglich in der Enttarnung letzterer als Bestätigung erster lag. Nur weil man suspekt gegenüber den Motivationen der zentralen Gewalt und ihren rigiden Machtstrukturen war, bedeutete dies nicht, dass es keinen Grund dafür gäbe. Ethnische und politische Minderheiten, ganz generell die Gesellschaftsperipherie, sah sich als Ziel einer orchestrierten, mit klandestinen Mitteln arbeitenden Agenda. 

Misstrauen gegen die Machtstrukturen

Die soziale Paranoia als psychische Störung hatte sich in diesem Fall als Fehldiagnose erwiesen. Wenn die Regierung als Ausdruck der Staatsgewalt zu diesen – oder wie sich zu Beginn der Siebziger im Watergate-Skandal zeigen sollte – ähnlich fragwürdigen Methoden griff, um Macht zu sichern, welche verdeckten Operationen sollten da nicht noch alle auf ähnliche Entdeckung warten? Vom Staatsstreich in Guatemala, der geheime Krieg in Laos, versuchte oder gelungene CIA-geführte Regimewechsel im Iran, Syrien, Kuba, Bolivien und Kongo waren nur einige der weiteren Taten, die den Eindruck festigten, dass hinter der ehrenwerten Fassade etablierter Macht eine dunkle, konspirativ tätige Facette lauerte. 

Die Vermutung, dass latente paranoide Strömungen in der Form von Verschwörungstheorien ihren Zugang zur Mitte der Gesellschaft gefunden hatten, belegte Historiker Richard Hofstadter in seinem Essay The Paranoid Style in American Politics. Die Nominierung des rechtsextremen Barry Goldwater zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner war für Hofstadter Anlass, die Rolle von Verschwörungstheorien in der US-amerikanischen Geschichte zu verfolgen. In einer metaphorischen Übertragung des psychischen Krankheitsbilds der Paranoia auf Goldwaters politischen Stil attestiert Hofstadter, dass jene „überhitzte, übermisstrauische, überaggressive, grandiose und apokalyptische“ Ausdrucksweise sich hier in anderer Form wiederfand: „Der Vertreter des paranoiden Politikstils hingegen behauptet, die feindlichen und verschwörerischen Kräfte seien gegen eine Nation, eine Kultur oder einen Lebensstil gerichtet, also nicht nur gegen ihn, sondern gegen Millionen andere.“ 

Thomas Jefferson und die Bayerischen Illuminaten

Anhand einiger Beispiele aus der US-amerikanischen Geschichte, bei denen Verschwörungstheorien und jener paranoide Stil deutlich hervorgetreten waren, begab sich Hofstadter auf Spurensuche. Die erste US-eigene und hausgemachte Verschwörungspanik vom Ende des 18. Jahrhunderts ist hier perfekte und lediglich exemplarische Blaupause: Eine Gruppe aus presbyterianischen Predigern sowie der Präsident der Universität Yale warfen dem damaligen Präsidentschaftskandidaten Thomas Jefferson vor, Teil einer Verschwörergruppe der Bayerischen Illuminaten zu sein, deren oberstes Ziel es war, Religion und Ordnung der Vereinigten Staaten von innen heraus zu zersetzen. Der Versuch Jefferson zu diskreditieren ging nach hinten los. Reverend John Ogden, der die presbyterianischen Strukturen aus eigenen Gründen nicht leiden konnte, setze zum Gegenschlag an und richtete die Waffe der Verschwörungstheorie gegen ihre Urheber: Sie seien letztlich die wahren Verschwörer, die entgegen der Prinzipien der Verfassung auf die Etablierung einer Staatsreligion drängten und als feindliche Agenten von Predigtkanzeln und in Lehranstalten die Gehirne junger Männer verdarben. Ogdens Gegenangriff – teils ebenso haltlos wie die Verschwörungstheorien seiner Gegenspieler – fanden Verbreitung, die Angreifer und der von ihnen unterstützte Kandidat John Adams erlitten bei der Wahl des Jahres 1800 eine empfindliche Niederlage. Mehr und ausführlich dazu hier.

Verschwörungstheorien als Grundrauschen amerikanischer Politik

Hofstadter schließt sein Essay von 1965 mit der Meinung, dass Verschwörungstheorien und der paranoide Stil lediglich kurzzeitig auftretende Extreme seien, die von den regulierenden und zentrierenden Kräften der Demokratie eingefangen und gezähmt würden. Eine Ansicht, die bis vor kurzem immer noch valide schien, wie die beiden Politikwissenschaftler Joseph Uscinski and Joseph Parent in ihrer Studie „American Conspiracy Theories“ belegten. Die Auswertung von 104.823 Leserbriefen an die New York Times aus dem Zeitraum von 1890 bis 2010 zeigte, dass Verschwörungstheorien in dieser Zeit in der Summe nicht zu- oder abnahmen, sondern lediglich ihren Ursprung änderten – je nachdem, welche Seite gerade an der Regierungsmacht war. Konservative Verschwörungen wurden vermutet, wenn konservative Kräfte ohne Macht waren, an linke Verschwörungen geglaubt, wenn liberale Kräfte in der Regierungsverantwortung standen. Thematisch fanden sich jedoch eben jene Brennpunkte wieder, die auch in breiterem gesellschaftlichen Kontext Widerhall fanden: Bedenken ob monopolistischer Strukturen und der Konzentration wirtschaftlicher Macht in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts (die republikanische Partei hatte sich noch nicht auf die Seite des big business geschlagen) oder die Angst vor kommunistischer Unterwanderung in den fünfziger Jahren. Die Befürchtungen vor einer im Geheimen operierenden Elite, die ihre Interessen entgegen dem Allgemeinwohl durchsetzen wollte, fand auf beiden Seiten des politischen Spektrums ihren Widerhall. 

Ergänzend werteten Uscinski und Parent eine Umfrage von 1230 US-Amerikanern aus, die wiederum interessante Einblicke gewährte: Denn der Glaube an Verschwörungstheorien war weiter verbreitet als vermutet, obwohl damit eine Fehleinschätzung der eigenen Realitätswahrnehmung verbunden schien. Denn die Einschätzung der Befragten, was eine Verschwörungstheorie sei und was schlicht Realitätswahrnehmung, ging hier auseinander. Anders ausgedrückt: Die Grenze zwischen dem, was Glaube an eine Verschwörungstheorie ist, und dem, was allgemein akzeptierter Fakt, ist schwer zu ziehen. In einer hochkomplexen, interdependenten und globalisierten Welt mehr denn je, in der Komplexitätsreduktion und Auslassung in Bereichen wie Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft notwendig scheint, um sinnvolle Kommunikation überhaupt erst möglich zu machen. Eine an Komplexität reduzierte Erklärung eines komplexen Sachverhaltes erscheint in den Augen eines Nicht-Experten möglicherweise abwegiger als die Kausalitätskonstrukte und Interpretationen einer Verschwörungstheorie. 

Verschwörungstheorie als Erklärungsmechanismus

Die Erkenntnis, dass besonders Personen und Gruppen der gesellschaftlichen Peripherie anfällig für Verschwörungstheorien sind, ist bei Uscinski und Parent zwar ebenso anzutreffen wie bei anderen Forschern, die sich mit diesem Phänomen beschäftigen. Es sei der Versuch einer „poor person“, eine kognitive Landkarte seiner Umgebung zu erstellen, so Frederic Jameson 1990 in „Cognitive Mapping“. Es sei eine Erkenntnis in die wahre Natur des global wirkenden Spätkapitalismus, der die stützende Struktur großer, übergreifender Narrative fehle, so Jameson. Verschwörungstheorien als komplexe kulturelle Symptome also? Als Ausdruck einer „gefühlten Wahrheit“, die über die Konstruktion einer Geschichte emotionale Reaktionen wie Angst, Beklemmung und Groll kanalisieren und zum Ausdruck bringen? Das menschliche Gehirn als Storytelling-Maschine, die durch die Konstruktion von Zusammenhängen versucht Sinn zu machen, wo eventuell gar keiner liegt? 

Michael Butter geht in seinem bemerkenswerten, da umfassend recherchierten „Plots, Designs and Schemes“ argumentativ ähnliche Wege. Das Propagieren von Verschwörungstheorien in der US-amerikanischen Geschichte geschah eben nicht nur durch Personen und Gruppen an der gesellschaftlichen Peripherie – es wurde auch von Politikern, Predigern und Intellektuellen betrieben. Selbst Präsidenten wie Washington, Lincoln und Eisenhower machten sich dessen schuldig. Butter meint weiter, Verschwörungstheorien spürten zwar den Verwerfungslinien realer sozialer und politischer Konflikte nach, missrepräsentierten diese jedoch. Entweder durch Verzerrung, wenn sie Konfliktparteien zwar korrekt identifizierten, jedoch aus falschen Gründen. Oder durch Ablenkung, indem sie Gruppen als Hauptschuldige angriffen, die mit dem eigentlichen Konflikt wenig bis nichts zu tun haben. Nichtsdestotrotz setzten Verschwörungstheorien als kulturelle Phänomene Kräfte frei und Prozesse in Gang – die ganz unabhängig davon, ob die vermutete Verschwörung tatsächlich existiert oder nicht, merkliche Auswirkungen haben. Die Fabulierungen der instrumentalisierten Paranoia eines Donald Trump sind da nur die jüngsten Beispiele. Dass die erzählerische Konstruktion von Verschwörungstheorien als Theorien darüber, wie die Welt tatsächlich funktioniert – sei es, um sich damit tatsächlich selbst die Welt zu erklären oder diese Erklärung aus populistischen Motiven zu nutzen, um bestimmte soziale Gruppen anzusprechen –, legt die Schattenseite des menschlichen Drangs zur Sinnstiftung durch Storytelling frei. Ein Ausdruck dessen, dass es einen merkbaren, aber oft unterschlagenen Unterschied zwischen offizieller Realität und dahinterliegender „wahrer Realität“ gibt. 

Auf der Bühne und hinter den Kulissen

Der Psychologe Max Scheler fasste dieses Empfinden in den zwanziger Jahren unter dem Begriff des „ressentiment“ zusammen: unterdrückte Gefühle des Neids und des Hasses, die sich in Ermangelung anderer Ventile einen neuen Weg bahnen. Namentlich als systematisierte Illusionen, gepaart mit der Neigung, unschuldige Handlungen und Ereignisse als bösartiges und heimtückisches Handeln gegen die eigene Person zu betrachten. Doch der Rahmen, in dem dieses Denken und Handeln sich entwickeln kann, ist für Scheler von großer Bedeutung: Nur die Struktur der Gesellschaft – die Diskrepanz zwischen dem politischen und sozialen Status einer Gruppe und ihrer tatsächlichen Macht – lassen ressentiment entstehen: Eine Gesellschaft, die Gleichheit als Fundament für sich beansprucht, gleichzeitig jedoch tatsächlich mit großen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in politischem, sozialem und wirtschaftlichem Machtgefüge zu kämpfen hat, sei perfektes Umfeld, in dem ressentiment entstehen kann. 

Dieses gestörte Verhältnis zwischen wahrgenommener Realität und der tatsächlichen steht auch für Luc Bolantski in seinem brillanten Werk „Mysteries and Conspiracies: Detective Stories, Spy Novels and the Making of Modern“ als zentrale Frage nach der Rolle von Verschwörung und Verschwörungstheorie in der modernen Gesellschaft. Minutiös zeichnet er anhand von Kriminal- und Spionageromanen nach, wie sich die Idee verbreitete, dass es eine Art „offizielle Bühnenversion“ der Wirklichkeit gäbe, repräsentiert durch Werte, Regeln und Normen. Hinter den Kulissen verbirgt sich jedoch eine weit bedrohlichere, verstörende und komplexe Welt aus Intrigen, unsichtbaren Plots und versteckten Intentionen. Oder anders ausgedrückt: Die Geschichte, die wir uns darüber erzählen, wie die Welt funktioniert, weicht erheblich von der Art ab, wie sie tatsächlich funktioniert. Eine der Arten, wie dies zum Ausdruck kommt, steckt in den kulturellen Erzeugnissen einer Gesellschaft. Wenn Bolantski hier Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“, Georges Simenons „Inspector Maigret“ oder John Buchans „The 39 Steps“ analysiert, schält sich stets ein ähnliches Bild heraus: Der Staat als Bühne mit Politikern als Marionetten, deren wahren Lenker sich in Schatten hüllen. Der Held, als jemand, der sich außerhalb der gängigen Normen bewegt, um eine versteckte, dem Normalbürger nicht sichtbare und klandestin operierende Bedrohung zu bekämpfen, ist dabei bis heute gängiges erzählerisches Mittel.

Die popkulturelle Ästhetik der Verschwörung

Ein Blick auf eine große Anzahl gängiger und erfolgreicher Actionfilme sowie Spionage- und Kriminalthriller, auf Serien und bestimmte Arten von Literatur zeigt eben jenes Muster: Der singuläre Held, meist nur mit einer kleinen Schar Verbündeter umgeben, wagt den Blick hinter die Kulissen der Realität, erkennt die wahren Zusammenhänge und wirft sich in den Kampf gegen sie. Auch wenn jene, für die er kämpft, seine wahren Motive nicht erkennen können (ihnen fehlt die Erkenntnis dazu) und sich gegen ihn stellen. Der Mythos des erkennenden Helden, der die verwirrenden Stränge eines unsichtbaren Komplotts entwirrt, um eine Lösung herbeizuführen, ist in verschiedenen Ausformungen zentraler Bestandteil einer großen Menge an kulturellen Produkten. Ob Serien wie „Akte X“, „Lost“ oder „Buffy“ in den neunziger Jahren oder später „24“, „The Blacklist“, „Fringe“ oder „Person of Interest“, Filmreihen wie „Mission Impossible“, „James Bond“ oder „Matrix“, Romane wie die von Dan Brown, Spiele wie die der „Assassin’s Creed“-Reihe sind nur eine Handvoll Beispiele, in welcher die Protagonisten stellvertretend für das Publikum die sinistere Wahrheit der dahinterliegenden Realität erkunden und durch extralegales Handeln in Wohlgefallen auflösen. Nur eine stellvertretende Auswahl für unzählige Geschichten, die den paranoiden Stil als Erzählmittel nutzen. Kein Wunder somit, dass diese allgegenwärtigen narrativen Konstrukte Eingang in unsere generelle Interpretation von Realität und die dahinterliegenden Zusammenhänge finden. 

Bolantski stellt in diesem Zusammenhang eine bezeichnende Verbindung her: Auf der einen Seite das bewusste oder gefühlte Wissen um die Existenz einer Zusammenarbeit bestimmter Personen und Gruppen, um Macht zu ergreifen oder für sich zu behalten, wie sie fraglos und immer wieder nachweisbar stattfindet. Auf der anderen Seite die Möglichkeit, zwischen tatsächlichen und eingebildeten Verschwörungen zu unterscheiden. In einer komplexen Gesellschaft, in der Interessensüberschneidungen und Zusammenhänge oft nur schwer auszumachen sind, ist die Investigation – oft Aufgabe des Journalismus – in diese Zusammenhänge erster Schritt, um zwischen beiden Arten zu unterscheiden: zwischen Verschwörungstheorie und Verschwörung, zwischen der für wahr befundenen Fiktion über die Zusammenhänge der Realität und den Fakten. 

Oder, um mit einem gewohnt zweischneidigen Zitat von Robert Anton Wilson zu schließen: „Anyone in the United States today who isn’t paranoid must be crazy.“ Jeder, der nicht versucht, den Blick hinter die Kulissen zu wagen, um tatsächliche Machtstrukturen und deren Verstrickungen zu sehen und sie zu thematisieren, ist wahrhaft verrückt. Menschen die Werkzeuge an die Hand zu geben, eben dies zu tun und erfolgreich zwischen aktiv verschleierten Zusammenhängen und ersponnener Fiktion zu unterscheiden, sollte höchste Priorität haben. Ein Vorhaben, das vor dem Hintergrund von institutionalisierter und systematischer Weaponization von Desinformation – sei es in der Form von Fox News, Donald Trump oder russischen wie chinesischen Troll-Fabriken – schwieriger denn je wirkt. Denn wie die Entwicklung der letzten Monate – wer genau hingesehen hat, die der letzten Jahre –  gezeigt hat, ist Verschwörungstheorie auch in anderen Ländern aus den Schatten getreten und hat beispielsweise auch in Deutschland gezeigt, dass sich ihre kulturell formenden Kräfte in der Mitte der Gesellschaft formieren. Wer hier genaue Spurensuche betreibt, in Internetforen, Chatrooms und einer mittlerweile durch eine zunehmend globalisierte Verschwörungsmythologie geeinten Gemeinschaft, kann die Einschlagskrater der großen, nicht zufriedenstellend diskutieren Krisen wie 9/11, Finanzkrise, Flüchtlingskrise und nun Corona-Krise erstaunlich genau ausmachen. Eben jene Ereignisse, die das Bild gestärkt haben, dass die offizielle Version der Ereignisse, die „Bühnenrealität“, nicht mit den tatsächlichen komplexeren Motivationen, Mechanismen und kausalen Verschränkungen übereinstimmt.

Zu gleich kommt hinzu, dass malevolent actors auf der Weltbühne die schlingernde Informationsökologie gekapert haben, um eigene Interessen voranzubringen. Peter Pomerantsev, letztjähriger Gast bei Plot19, zeichnet in seinen Büchern „Nothing is True and Everything is Possible“ sowie „This is not Propaganda“ nach, wie die asymmetrischen Methoden psychologischer Kriegsführung, Desinformation und der Streuung zersetzender Verwirrung zu klandestinen Machtinstrumenten werden. Vor allem über die russische Methode, mit einer Vielzahl sich wiedersprechender und überlappender Bühnenrealitäten gelernte Geheimdienstmethoden des Kalten Krieges als unterschwelliges Grundrauschen der Destabilisierung zu etablieren, steht hier im Mittelpunkt. Dass der paranoide Stil, den Hofstadter einst in den USA verortete, mittlerweile über das Internet globalisierte Kraft geworden ist, scheint schwer zu leugnen.

Umso wichtiger scheint es Gegenmaßnahmen zu ergreifen, die im Angesicht der Herausforderungen enorm scheinen. Es gilt nicht nur die Hintergründe und Ursachen für Konflikte und Krisen freizulegen und zu diskutieren, sondern vor allem Bürger*innen auf der gesamten Welt die Möglichkeit zu verschaffen, die Ereignisse um sie herum sinnvoll zu ordnen. Dazu gilt es zunächst die Instanzen einer broken sense-making ecology zu identifizieren und sich ihnen argumentativ in den Weg zu stellen. Ein diffiziles und weitreichendes Vorhaben im Angesicht der aktuellen Lage. Ein Vorhaben aber, das für den Fortbestand der Demokratie, aber auch für die Entwicklung hin zu einer in jeder Hinsicht gerechteren und zukunftssicheren Welt drängender denn je scheint.

Ob die Möglichkeit, über das Erzählen neuer Geschichten durch verantwortungsvolle Storyteller, die sich der tieferen Implikationen ihrer Themen bewusst sind, ein erster Schritt getan werden kann, steht dabei definitiv zur Diskussion. Mehr als ein erster Schritt kann dies dennoch nicht sein, über Alternativen zur gegenwärtigen Informationsökologie nachzudenken.

Über den Autor: Gerhard Maier arbeitet seit über 10 Jahren in der Film- und Fernsehbranche, und gründete das „Seriencamp“, Deutschlands erstes Festival, das sich ausschließlich dem seriellen Geschichtenerzählen widmet.