„Der Aufwand ist enorm, die Chance aber auch“

Wir haben Dominique Metzler vom Friedhelm Merz Verlag über die Verlegung der weltgrößten Messe für Gesellschaftsspiele ins Digitale ein paar Fragen gestellt und sie hat uns spannende Eindrücke gewährt. Der Spiel.digital wird bereits Wochen vor der Eröffnung den Spielern weltweit entgegengefiebert.

Im Gegensatz zur Frankfurter Buchmesse wird die Spiel 2020 dieses Jahr vollkommen digital stattfinden. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Dominique Metzler: Man muss wissen, dass das Unternehmen Frankfurter Buchmesse in den vergangenen Jahren jeweils 33 bis 34 Mio Euro umgesetzt hat, mit einem ausgewiesenen Betriebsergebnis von rund 3 Mio Euro. Jetzt kalkuliert die Buchmesse mit einem Verlust von 6 bis 10 Mio Euro, wie erst jüngst die „Frankfurter Rundschau“ berichtete. Das Land Hessen hat wohl finanzielle Unterstützung zugesagt, damit die Buchmesse überhaupt stattfindet. Da aber – wie auf jeder Messe – aufgrund der Hygienebestimmungen nur ein Bruchteil der gewohnten Besucher eingelassen werden kann, hat sich Frankfurt aus meiner Sicht notgedrungen dazu entschlossen eine hybride Messe zu veranstalten, also sowohl vor Ort als auch digital.

Auch wir standen vor dem gleichen Dilemma, denn es war ja schon im Mai diesen Jahres, als wir die SPIEL abgesagt haben, klar, dass auch wir nur ganz beschränkt Besucher einlassen können. Ich hatte damals ausgerechnet, dass es etwa 2.000 pro Tag gewesen wären, denn das Standpersonal muss in solche Berechnungen miteinfließen. Und eine Spielemesse ist schon aufgrund der vielen Spieleerklärer sehr personalintensiv. Dies Szenario wollten wir unseren Ausstellern auf keinen Fall zumuten. Und damit war – unabhängig vom Hygienekonzept – klar, dass wir die Messe absagen.

Uns war aber auch klar, dass die Absage der SPIEL als weltgrößte Messe für Gesellschaftsspiele für viele Aussteller eine Katastrophe bedeutet, denn viele der kleinen Verlage verkaufen den Großteil ihrer Spiele während der Messe. Und so fiel dann auch die Entscheidung ziemlich schnell, die SPIEL in diesem Jahr als Onlinemesse abzuhalten.

Die Spiel in normalen Jahren.

Was bedeutet das genau? Wie sieht das Konzept aus?

Dominique Metzler: Auf der SPIEL.digital warten in den verschiedensten Sprachen angebotene virtuelle Spieltische auf die Spielefans, an denen sie die Neuheiten wie auf der realen Messe ausführlich testen können. Auch auf den geliebten Spieleerklärer, der in das Spiel einführt und bei Rückfragen hilft, muss niemand verzichten. Möglich wird das alles durch die Integration von Online-Plattformen wie Board Game Arena oder Tabletopia, auf denen Brettspielbegeisterte wie an einem realen Spieltisch spielen. Beide Plattformen stellen Besuchern der SPIEL.digital kostenlose Zugänge zur Verfügung. Wer kurz vor Weihnachten auf der Suche nach einem passenden Geschenk ist, kann die Messeneuheiten auch sofort kaufen. Dank freiem Eintritt und offiziellen Live-Streams in deutscher, englischer, französischer, spanischer und russischer Sprache, die Interessierte aus aller Welt über die Highlights der SPIEL.digital informieren werden, wird auch die diesjährige Online-Ausgabe der SPIEL die wichtigste Messe für Gesellschaftsspiele weltweit. Wir legen großen Wert darauf, dass auch der Unterhaltungsfaktor nicht zu kurz kommt, so werden sich Besucher mithilfe von Chatfunktionen mit Ausstellern oder untereinander an den Spieltischen austauschen können.

Die Spiel 2020 integriert auch aktiv die Influencer und Blogger im Konzept. Warum war das dem Verlag wichtig? Wie funktioniert das genau?

Dominique Metzler: Uns war wichtig einen Ort zu schaffen, an dem sich alle Beteiligten auch Online einbringen können. Wir möchten, dass die SPIEL ein großes Happening wird. Also bieten wir auch Medienschaffenden an, eigene Beiträge online zu stellen. Dafür gibt es dann spezielle Zugänge. Gleiches machen wir übrigens mit dem Programmpunkt „SPIEL lokal“. Hier bieten wir Brettspielläden, -cafés und größeren Spielegruppen zeitgleich kleinere lokale Events zu veranstalten. Im Gegenzug erhalten diese dann eine kostenlose Präsenz auf SPIEL.digital.

Die Spiel soll für die Zuschauer dieses Jahr kostenlos stattfinden. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Wird es eine Spendenbasis sein?

Dominique Metzler: Wir möchten möglichst viele Besucher begrüßen können und nehmen aus diesem Grund keinen Eintritt. Es wird allerdings möglich sein, die SPIEL.digital durch eine Spende zu unterstützen.

Wurde von anderen Konferenzen abgeschaut und von ihnen gelernt? Was hat euch gut gefallen und was hat euch gefehlt? Was wollt ihr besser machen? 

Dominique Metzler: Ja, selbstverständlich. Wir haben uns alle die bisher stattgefundenen Online-Events angeschaut. Uns hat oft die Übersichtlichkeit gefehlt. Dies hatte dann zur Folge, dass man machen Content zu lange suchen musste. Auch war es für Besucher, die noch niemals zuvor Brettspiele online gespielt haben, nicht besonders userfreundlich. So werden auf der SPIEL.digital die Links zum Discord-Channel beispielsweise direkt integriert sein, so dass sich niemand durch einen riesigen Server arbeiten muss, um in die richtige Spielrunde zu gelangen. Es war von Anfang an unsere oberste Priorität, eine gute Usability sowie User Experience zu gewährleisten, um – wie schon in den letzten 38 Jahren – Menschen zum Spielen zusammenzubringen!

Wie sieht es bei den Händlern und Merchandising Ständen aus? Wie sehen die die Verlegung ins Digitale?

Dominique Metzler: Händler wird es auf der SPIEL.digital so gut wie nicht geben. Denn auf der ganzen Messe dreht sich alles um Spiele-Neuheiten, die ja die Verlage anbieten. Kaufen kann man dann aber natürlich trotzdem jedes Spiel. Dies geschieht mithilfe von Verkauflinks, die Aussteller selbst setzen können.

Wo liegen die größten Probleme? Ist es mehr Aufwand oder Chance?

Dominique Metzler: Das größte Problem ist der Zeitdruck, unter dem alles entsteht. Wir mussten beispielsweise schon zu einem Zeitpunkt, an dem es noch gar nichts zu sehen gab, schon Messestände verkaufen.

Der Aufwand ist enorm, die Chance aber auch. Ich glaube es bringt nichts, sich zum momentanen Zeitpunkt in sein Schneckenhaus zurückzuziehen und darauf zu hoffen, dass irgendwann schon alles wieder vorbei sein wird. Wir müssen uns alle anpassen und das beste aus der Situation machen.

Wie geht das Verlagsteam mit all dem um?

Dominique Metzler: Das ganze Team arbeitet unglaublich viel und manchmal sind wir ganz schön geschafft. Aber wir freuen uns auch sehr auf die SPIEL.digital und über die Herausforderung. Ist ja auch ein ganz anderes Business. Und auch ein bisschen Abwechslung nach mehr als 30 Jahren klassischem Messegeschäft.

Und wie sieht es bei den Spielern aus? Es ist ja eher ein haptisches Hobby. Spielen sie mit? Können Sie sich auch wie auf der realen Messe treffen?

Dominique Metzler: Selbstverständlich können sich die Spieler auch auf der Plattform in Spielrunden oder anderen Chats treffen und austauschen.

Die positive Resonanz, der Zuspruch und auch die Hilfsbereitschaft aus der ganzen Welt hat uns schlichtweg überwältigt. Wir sind dankbar mit der SPIEL – und in diesem Jahr mit der SPIEL.digital – nicht einfach nur Veranstalter der größten Brettspielmesse der Welt, sondern wirklich ein Teil dieser einzigartigen Community zu sein.

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Mehr Informationen zur Spiel.digital 2020 finden Sie hier.