Coronakrise: Wie die Kinder der Massai darunter leiden, dass die Schule ausfällt

Seit Mitte März sind in Kenia Schulen und Universitäten geschlossen und es ist unklar, wann sie wieder öffnen. Die Folgen sind gravierend.

Ein Beitrag von Bettina Rühl aus dem Online-Magazin Afrika-Reporter

Paul Naiptari öffnet das große Vorhängeschloss, das die Tür zum Lagerraum der Ewaso-Grundschule sichert, die Schule liegt im Nordwesen von Laikipia, dem zentralen Hochland Kenias. Der Lagerraum ist vielleicht fünf Quadratmeter groß und zur Hälfte mit Säcken gefüllt. „Wir lagern hier Mais, Bohnen und Maisporridge“, erklärt Paul Naiptari. Er ist der Verbindungsmann zwischen dem nahen, privaten Naturschutzgebiet Loisabaund der Bevölkerung in den umliegenden Dörfern. Loisaba unterschützt einige Schulen in der Umgebung mit Lebensmitteln, damit die Kinder dort jeden Tag eine warme Mahlzeit kriegen.

Schulen und Universitäten geschlossen

Aber seit dem 15. März sind die Schulen und Universitäten in Kenia wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Bislang gibt es keinerlei Hinweis darauf, wann der Unterricht weitergehen könnte. „Deshalb möchten wir die Lebensmittel, die wir für die Schulspeisungen gekauft haben, an die Bevölkerung verteilen,“ sagt Naiptari. Denn im Lagerraum der Schule würden sie mit der Zeit nur verderben, und „die Menschen leiden hier sehr unter den Folgen der Corona-Krise. Essen muss man nun einmal, aber viele der Menschen hier haben dazu keinen Zugang mehr.“

Paul Naiptari, Verbindungsmann zwischen dem Loisaba-Schutzgebiet in Laikipia und der Bevölkerung in den umliegenden Dörfern. Fotos: Bettina Rühl

Wirtschaftliche Folgen der Corona-Krise

Armut war hier schon vor der Corona-Krise weit verbreitet. In der Region leben vor allem Viehzüchter aus den Volksgruppen der Massai, Samburu und Pokot. Außer von ihrem Vieh leben die Menschen vom Tourismus, haben Jobs in den Hotels oder Lodges, arbeiten als Ranger, verkaufen Perlenschmuck oder andere Souvenirs an Touristen. Aber infolge der Corona-Krise ist der Tourismus am Boden: Die Grenzen sind seit Wochen zu, der internationale Flugverkehr eingestellt, die Hauptstadt Nairobi abgeriegelt.


Bettina Rühl

Bettina Rühl ist seit 1988 freiberufliche Journalistin und arbeitet schwerpunktmäßig zu Afrika. Im April 2011 zog sie in die kenianische Hauptstadt Nairobi und lebt nun auch auf dem Kontinent, über den sie bis dahin im Rahmen mehrwöchiger Recherchereisen berichtete. 

Bettina Rühl ist Vorsitzende und Sprecherin des Vorstands bei Weltreporter.net, dem größten Netzwerk freier deutschsprachiger Auslandskorrespondenten.


Die Hotels und Restaurants sind geschlossen, die Angestellten wurden – bis auf einige Wächter – entlassen. Außerdem finden keine Viehmärkte statt, die Menschen können ihre Tiere nicht mehr verkaufen. In normalen Zeiten ist das Vieh eine Art Bankkonto: Ist Bargeld nötig, um beispielsweise Lebensmittel oder Schulgeld zu bezahlen, werden ein oder mehrere Ziegen verkauft, bei besonderen Ausgaben auch mal ein Rind.

Schulspeisungen einzige warme Mahlzeit am Tag

Das ist nun nicht mehr möglich, und ausgerechnet in einer solchen Zeit fällt auch noch das Essen in der Schule weg. Viele Kinder kriegen dort die einzige warme Mahlzeit des Tages, was für viele Eltern ein wichtiger Anreiz ist, ihre Kinder überhaupt in die Schule zu schicken. In den halbtrockenen Gegenden Kenias, zu denen auch Laikipia gehört, wird nur ein gutes Drittel der Kinder eingeschult. Von denen wiederum schließt nur etwa die Hälfte die Primarschule ab.

Um diesen Anteil zu erhöhen, versucht die Regierung zusammen mit Hilfsorganisationen und anderen Partnern, allen Primarschulkindern im ganzen Land ein Mal täglich eine warme Mahlzeit zur Verfügung zu stellen – schließlich sei Nahrung ein Menschenrecht, wie es im entsprechenden Programm der kenianischen Regierung heißt. In Zeiten von Corona scheint das in Frage gestellt.

Maasai-Frauen warten auf die Verteilung der Lebensmittel, die nun in den Schulen nicht ausgegeben werden können.

Lebensmittelverteilung statt Schulspeisung

Ein paar Kilometer von der Ewaso-Grundschule entfernt, laden Paul Naiptari und ein paar Helfer aus dem Schulkomitee der Dörfer die ersten Säcke mit Lebensmitteln aus. Etliche Massai-Frauen sitzen schon wartend unter einem Baum, einige tragen einen Mundschutz. Der Massai-Chief Stephen Lesongoi hat sich zu den Frauen gestellt und erklärt ihnen, dass es leider nicht genug für alle gibt, und außerdem nur kleine Portionen.

Aber immerhin sei das doch besser als nichts. Obwohl „Chief“ nach einem traditionellen Posten klingt, wird Lesongoi von der kenianischen Regierung bezahlt, er ist also eine Art Bürgermeister – und selbst ein Massai. Die Frauen sind mit großen Säcken gekommen, in denen verschwinden die paar Kilo, die sie kriegen: zehn Kilo Mais, fünf Kilo Bohnen, zwei Kilo Porridge. Das soll pro Familie für zwei Wochen reichen.

Familien sollen weiter unterstützt werden

„Anschließend werden wir sehen, woher wir Geld bekommen, damit wir die Familien weiter unterstützten können“, meint Naiptari. „Zum Teil sicher aus dem Budget von Loisaba, aber wir werden auch unsere Freunde und Geldgeber im Ausland ansprechen.“ Diesmal profitieren von der Verteilung fast 200 Familien, etwa 1300 Menschen. Wegen der Corona-Pandemie wird an fünf unterschiedlichen Orten verteilt, damit die Menschenansammlung nicht allzu groß wird.

In den Nachbardörfern von Loisaba werden Lebensmittel verteilt, die das Schutzgebiet bezahlt hat.

In Kenia gibt es bisher viel weniger bekannte Infektionsfälle, als ursprünglich befürchtet. Viel schlimmer sind die wirtschaftlichen Folgen, erzählt Sabina Lemiliko. Die 51-Jährige wartet darauf, dass sie bei der Verteilung an die Reihe kommt. „Das Virus trifft uns, weil die Lebensmittelpreise gestiegen sind. Und wir haben keine Einnahmen mehr.“

Lebensmittelpreise durch Corona-Pandemie gestiegen

Fast alles sei teurer geworden, sagt die Mutter von neun Kindern, vor allem Maismehl, Gemüse und Zucker. Also streckt sie, was sie sich leisten kann: statt Maisbrei gibt es nun Maismilch, immer wieder fallen Mahlzeiten aus. Nicht nur die Ernährung macht ihr Sorge: Es tut ihr leid, dass ihre Kinder schon seit Monaten nicht mehr in die Schule gehen können. Die Abschlussprüfung für das Schuljahr fiel aus, und es beunruhigt sie, dass niemand weiß, wann es weitergeht. Auch ihre Kinder seien bedrückt. „Sie vermissen die Schule, sie wollen lernen und hoffen sehr, dass diese Pandemie bald vorbei geht.“

Einige Maasai-Frauen tragen mit Gesichtsmasken. Bisher gab es in der Region noch keine bekannten Infektionsfälle. 

Die kenianische Regierung bemüht sich, den Unterricht nicht einfach ausfallen zu lassen und die Absage der Abschlussprüfungen, die für November angesetzt sind, zu vermeiden. Das Erziehungsministerium setzt auf elektronischen und digitalen Unterricht, das so genannte „out of classroom learning“.

Die für Unterrichtsinhalte zuständige Behörde „Kenya Institute for Curriculum Development“ (KICD) hat alte Programme reaktiviert und ein paar neue produziert. Verbreitet werden die Lerneinheiten über Radio und Fernsehen, Computer und Smartphones. Nicht mit bedacht wurden alle Schülerinnen und Schüler, die beim Lernen besondere Unterstützung brauchen.

Kinder auf dem Land benachteiligt

Malel Lan’gat, Leiter der kenianischen Lehrergewerkschaft Knut, sieht allerdings auch andere Kinder benachteiligt: „Die online-Plattformen kommen vor allem denen zugute, die in Städten leben und in Regionen, in denen Strom gibt.“ Tatsächlich ist der online- oder TV- und Radio-Unterricht für etliche kenianische Familien unerreichbar: Sie haben weder Radio, Fernsehen oder Computer, und statt eines Smartphones vielleicht nur ein konventionelles Handy.

Interneteinheiten sind teuer, weniger wohlhabende Familien könnten sich gar nicht leisten, ihre Kinder stundenlang über das Mobiltelefon am Unterricht teilnehmen zu lassen. Hinzu kommt, dass Kinder in den Slums der Städte oder ländlichen Siedlungen wie denen der Massai, weder Platz noch Ruhe haben, um zu Hause zu lernen: Womöglich lebt eine ganze Familie auf zehn Quadratmetern, schon aus Platzmangel gibt es vielleicht nicht mal einen Tisch.

Massai-Chief Stephen Lesengoi am Rande der Verteilung der Lebensmittel 

An home-schooling sei deshalb in den Massai-Dörfern nicht zu denken, meint Chief Stephen Lesongoi: Es gebe keinen Strom und kein vernünftiges Licht, Internet nur über die Handys, sofern Empfang ist. Von Tabletts oder Computern in den Familien ganz zu schweigen. „Unser Häuser sind aus Lehm und Asche gebaut“, erklärt Lesongoi. „Weil es im Moment sehr viel und heftig regnet, sind viele Häuser undicht, es regnet rein.

Kein Zugang zu Unterrichtsprogrammen

In so einem Umfeld kann man nicht lernen.“ Um seine eigenen Kinder sorgt er sich weniger. Seine Tochter ist sechs, der Sohn drei Jahre alt, die beiden sind noch im Kindergarten beziehungsweise der Vorschule. „Aber ich mache mir Sorgen um alle anderen Kinder hier in der Region.“ Im Vergleich zu den Schülerinnen und Schülern in weniger abgelegenen Gegenden würden sie benachteiligt, „trotzdem müssen sie bei den landesweiten Abschlussprüfungen am Ende mit den anderen konkurrieren“.

Joel Mabonga, Leiter der Bildungsbehörde KICD, sieht darin kein Problem. „Wenn es jemanden gibt, der zu den Programmen gar keinen Zugang hat, dann können das nur ganz wenige Leute sein. Die müssen sich dann nach Alternativen umsehen.“ Die kenianische Regierung habe allen Schülern auch Materialien zur Verfügung gestellt, mit denen sie weiterlernen könnten.

Mangel an Unterrichtsmaterial

Davon sei in Laikipia nichts angekommen, meint Ellie Modesta, die mit ihrem Mann eine Lodge in der Nähe der Ewaso-Grundschule leitet.

Ellie Modeste leitet mit ihrem Mann im Nordwesten Laikipias eine Lodge, die der Massai-Gemeinschaft gehört.

Die Lodge gehört der Massai-Community, ist aber derzeit geschlossen, denn alle Buchungen wurden wegen der Corona-Pandemie storniert. Ellie Modesta, die Community Development und Tourismus studiert hat, griff kurzerhand zur Selbsthilfe, damit möglichst viele Kinder doch etwas lernen: Tag für Tag unterrichtet sie in der Lodge rund 60 Kinder im Alter zwischen vier und 14 Jahren. Die Bücher dafür habe sie aus der eigenen Tasche bezahlt, sagt Modesta. „Die online-Angebote der Regierung sind gut und hilfreich“, sagt sie, „aber da wir meist kein Internet haben, nutzt uns das wenig.“

Maasai-Kinder werden in einer Lodge unterrichtet, die jetzt geschlossen ist. Wegen der Corona-Krise haben alle Gäste storniert.

Während ihres Unterrichts achtet sie so gut es geht auf Abstandsregeln, aber so richtig durchhalten lassen sie sich nicht. Da es in der Region bisher keine bekannte Infektion gibt, nimmt sie das Risiko in Kauf. Andernfalls müssten die Kinder monatelang ohne Unterricht bleiben und würden womöglich ein ganzes Schuljahr verlieren. „Ich bin froh, dass wir zusammen etwas lernen können,“ sagt die achtjährige Napulo. „Aber noch lieber würde ich wieder in die Schule gehen.“

Selbsthilfe der Massai

In der provisorischen Schule kriegen die Schülerinnen und Schüler sogar eine warme Mahlzeit, das Geld dafür legen Modesta und die Mitglieder einer Frauen-Selbsthilfegruppe zusammen. Ellie Modesta hat die „Chui Mamas“ schon vor einiger Zeit gegründet. Die Mitglieder sparen gemeinsam, unterstützen einander mit Minikrediten und verdienen gemeinsam Geld durch Projekte, die Ellie Modesta initiiert: zum Beispiel das Nähen von Gesichtsmasken, als Ersatz für das Einkommen, das sie sonst mit dem Verkauf von Perlenschmuck an Touristen verdienen.

Ellie Modesta rodet gemeinsam mit anderen Maasai-Frauen ein Stück Land im Garten der Lodge. Hier wollen sie Gemüse anbauen. 

Derzeit bringt sie ihnen außerdem bei, wie man Gemüse anbaut. „Wenn wir nichts mehr kaufen können, weil die Märkte zu sind und niemand Geld hat, müssen wir unsere Lebensmittel halt selbst anbauen.“ Womöglich können die Frauen die Kinder während der Schultage bald auch mit den Früchten ihrer eigenen Arbeit ernähren.


Das war ein Artikel des Online-Magazins „Afrika-​​Reporter“ der Riffreporter.