Corona – ein Treiber für digitales Lernen?

Digitales Lernen trendet: Die Corona-Pandemie sorgt für eine verstärkte Nachfrage nach E-Learning-Lösungen. Immer mehr Personen, ob jung oder alt, ob in der Schule oder im Unternehmen, greifen daher auf Online-Lernangebote zurück. Doch wird sich E-Learning durch die Krise wirklich nachhaltig etablieren können?

Bereits vor der Verbreitung von COVID-19 bezeichnete das Zukunftsinstitut „Neues Lernen“ als Megatrend. Im sogenannten Zeitalter der Wissensexplosion werde Bildung zukünftig digitalisiert und, da nicht mehr nur in den Schulen gelernt werden würde, immer mehr zu Privatsache. Laut einer IDC-Studie aus dem Jahr 2017 starteten zwar rund 64% der befragten Unternehmen erste digitale Projekte, lediglich 16% aber leben digitale Transformation und sogar jedes fünfte Unternehmen steht Digitalisierung skeptisch gegenüber. Viele Organisationen nahmen diese Entwicklung nur teilweise oder gar nicht wahr und schoben dieses Thema bis dato häufig auf die lange Bank. Budgets wurden für „dringlichere“ Themen verwendet, für die interne Konzeption solcher Formate war, wenn Know-how vorhanden, keine Zeit. Durch Corona herrscht nun eine neue Dringlichkeit.

Digitalisierungstreiber COVID-19

Unternehmen aller Art, die sich bereits in der Vergangenheit mit Online-Lernformaten beschäftigten, besitzen daher aktuell einen klaren Vorteil. Doch auch Organisationen, die vermehrt in Präsenzformaten Zuhause waren, reagierten schnell und kreativ und ermöglichten Video-Konferenzen, Webinare für kleine und große Gruppen, virtuelle Klassenräume oder setzten sich mit E-Learning-Plattformen auseinander. Ausgelöst nicht durch eine*n CTO oder eine*n Digital Transformation Manager*in, sondern durch den Digitalisierungstreiber COVID-19.

Kolleg*innen, die zuvor skeptisch gegenüber digitalem Lernen waren, berichten stolz von Kursen auf Udemy, LinkedIn Learning oder Coursera, die sie erfolgreich abgeschlossen haben. Befreundete Lehrer*innen sprechen über Homeschooling via Jitsi und Zoom. Auch in Zahlen lässt sich ein Zuwachs belegen: Der Bedarf nach „schnellen Lösungen“ zum Erhalt des Präsenzgeschäftes oder dem Aufrechterhalten des Schulbetriebs durch Homeschooling sorgten, laut mmb Institut GmbH (April 2020), für eine erhöhte Nachfrage nach E-Learning-Beratungsdienstleistungen um rund 66%. Ein weiteres Beispiel ist das Wachstum des Videokonferenz-Dienstes Zoom. Eigentlich ein Angebot für Business-Meetings, wurde das Tool während der Corona-Krise verstärkt für die Umsetzung von Unterrichtseinheiten jeglicher Art genutzt. Wurden im Dezember 2019 noch weltweit 10 Millionen Teilnahmen an Videokonferenzen des Anbieters gezählt, waren es im April 2020 knapp 300 Millionen. Neben einem Umsatzwachstum im Jahresvergleich von 122 auf rund 328 Millionen Euro im ersten Geschäftsquartal 2020, stieg auch der Wert der Zoom-Aktie von 69 auf bis zu 224 US-Dollar. 

Eine erste Sättigung tritt ein

Rund zwei Monate nach der „ersten Welle“ ist allerdings eine Sättigung zu spüren: Die Fülle an Webinar-Einladungen im Postfach sorgt für Stress, Beiträge verschiedener Expert*innen fordern ein Ende des „Optimierungswahns“ während der Krise, Personen sehnen sich wegen digitalem Overload nach analogen Angeboten. Angestellte tauschen das Home-Office wieder gegen den Büroplatz, Schüler*innen begeben sich teilweise wieder in die Schule und Lehrkräfte freuen sich, die Arbeitsblätter nun wieder physisch und nicht als PDF verteilen zu dürfen. Die „neue Normalität“ nicht nach, sondern mit Corona kehrt ein: Ist das Hoch des E-Learnings somit also schon wieder vorbei? Die Antwort ist jein.

Die Mischung macht’s

Damit E-Learning für alle Lernenden aufgrund ihrer Erfahrungen während der letzten Wochen selbstverständlich bleibt, und diese nicht in analoge Gewohnheiten zurückfallen, ist es umso wichtiges, digitales Lernen dort einzusetzen, wo es sinnvoll ist und einen Mehrwert bietet.

In den verschiedensten Kontexten wird es auch „mit Corona“ Online-Formate brauchen: Schulen, Universitäten und auch privatwirtschaftliche Bildungsträger werden nicht zuletzt aufgrund von Abstands- und Hygienemaßnahmen Blended-Learning-Konzepte etablieren müssen, welche Präsenzunterricht, aber vor allem auch Online-Trainings beinhalten. Analog finden soziale Interaktionen statt, Diskussionen, Austausch, Reflektion sowie praktische Trainings und Gruppenarbeiten. Das digitale Pendant dient zur Vor- oder Nachbereitung einer Unterrichtseinheit, aber auch zur Wiederholung oder zur Vertiefung des Lernstoffs. Dank orts- und zeitflexibler Bereitstellung und Berücksichtigung von Lerntyp und Lerntempo, wird so ein nachhaltiges und bedürfnisorientiertes Lernen ermöglicht. Für Bildungsträger kann dies darüber hinaus eine innovative Weiterentwicklung des Geschäftsmodell darstellen.

Unternehmen, ob klein oder mittelständisch oder Konzern, benötigen ebenfalls digitale Angebote. So werden interne Fortbildungen oder der Zugang zu Pflichtunterweisungen abgebildet, um die Präsenzzeit für Organisation, Absprachen, Brainstormings oder das Erledigen von Arbeitsaufträgen zu nutzen. Auch das Onboarding wird teilweise digitalisiert werden: Kennengelernt wird sich analog, digital erfolgt anschließend die Unternehmenspräsentation oder die Einführung in Arbeitsschutzmaßahmen. Auch aufgrund von Maßnahmen für innovatives Employer Branding und zur Sicherung von Fachkräften sind solche Schritte unumgänglich.

Neue Anreize durch neue Technologien

Vorausgesetzt, dass diese Angebote für alle, ob Digital Natives oder Gelegenheitssurfer*innen, zugänglich und verständlich sind (das beginnt bei der technischen Bereitstellung und geht über die inhaltliche Aufbereitung für verschiedene Lerntypen bis hin zur intuitiven Nutzung der Angebote), können und werden integrierte und niedrigschwellige Digital-Lernangebote nicht nur unterstützen, sondern eine neue Qualität des Lernens bewirken. Diese wird befeuert durch neue Technologien, die auch und besonders im Bildungsbereich eingesetzt werden können. Hierzu zählen Virtual-Reality- oder Argumented-Reality-Anwendungen, wo entweder komplett virtuelle Umgebungen geschaffen oder reale Umgebungen interaktiv erweitert werden. Hier lassen sich beispielsweise dann über eine VR-Brille und den zugehörenden Controllern Trainingseinheiten absolvieren, welche (bereits heute verfügbar) von Kommunikationsübungen in der Hotel- und Gastronomie-Branche bis hin zu Schweißsimulationen im Produktionswerk eines Autobauers reichen. 

Ob Schulunterricht im Virtual Classroom oder Theorieunterricht in der Berufsausbildung als Learning Nugget: Bis Anfang März dieses Jahres hätte man dies wahrscheinlich nicht für möglich gehalten. Es gilt jetzt mehr denn je, die vorhandenen Ansätze weiterzuentwickeln und offen für neue Lösungen zu sein, die es uns erlauben, den durch COVID-19 beschleunigten digitalen Wandel gemeinsam und nachhaltig zu gestalten. Nicht im „Entweder-Oder“-Denken, sondern „blended“, integriert und bedürfnisorientiert. Und am Ende des Tages sollte stets klar sein, worum es wirklich geht: sinnvolle und zeitgemäße Bildung für alle ermöglichen – und das nicht als Zukunftstrend, sondern schon heute.


Tobias Ilg lebt und arbeitet als selbstständiger Projektentwickler und Organisationsbegleiter in Freiburg. Zuvor war er fünf Jahre als Geschäftsführer des Berliner Bildungsunternehmens Studio2B tätig, das digitale Wissens- und Weiterbildungsangebote für verschiedene Zielgruppen entwickelt. Sein Wissen und seine Expertise rund um Lebenslanges Lernen, Neue Arbeit und digitale Transformationsprozesse gibt er nun weiter, indem er kleine und mittelständische Unternehmen sowie weitere Organisationen, wie Schulen oder Bildungsträger, auf ihrem Weg in die digitale Zukunft berät und begleitet.