C7: Verena Peters: “Entschleunigung ist nichts Schlimmes”

Was überrascht Dich in der Krise?

Vieles…positiv überrascht mich der generelle Zusammenhalt unter den Menschen, auf kleiner und auf größerer Ebene. Auch innerhalb meiner Familie habe ich das deutlich gespürt. Doch auf der anderen Seite überrascht mich das egoistische Verhalten der Menschen, wenn sie zB. Hamstereinkäufe tätigen, die nicht notwendig sind oder, dass jetzt Menschen in Pflegeberufen usw. Aufmerksamkeit erhalten und dafür „nur“ ein Klatschen, anstatt sich mit den Arbeitsbedingungen dieser Personen auseinanderzusetzen. Außerdem finde ich den „blinden Gehorsam“ gegenüber der Regierung und wie sie unsere Grundrechte einschränkt, anscheinend rechtlich legitim, sehr bedenklich.

Was hilft Dir dabei im Lockdown nicht durchzudrehen?

Ich versuche mir trotz allem eine Routine zu schaffen. Also wirklich am Morgen aufstehen, mich anziehen, usw. Auch regelmäßig mit meinen Freunden telefonieren bzw. einfach in Kontakt bleiben. Wichtig finde ich auch noch, dass negative Gedanken und Gefühle Raum haben dürfen und man sich jetzt nicht von dem ganzen „Optimierungs-Hype“ anstecken lässt. Es ist OK, wenn man in der Isolation nicht 5 kg abnimmt oder zwei Sprachen lernt.

Sonst hilft mir Musik machen, ein Spaziergang im Wald und Meditation.

Welche Serie/ welches Buch / welcher Film hilft Dir durch die Krise?

Das Buch von Matt Haig „notes on a nervous planet“ kann ich sehr empfehlen. Sehr passende und schöne Gedanken.

Bei den Serien finde ich „This Is Us“ super, da sie einfach sehr ans Herz geht und mich emotional total berührt. „The Marvelous Mrs. Maisel“ ist auch sehr zu empfehlen. Durch diese Serie habe ich wieder gelacht und sie hat mich empowert.

Was macht Dir Angst?

Dass sich auch aufgrund einer weltweiten Pandemie nichts im Denken der Menschen ändern wird. So wie wir bis jetzt gelebt haben, war es einfach nicht mehr zumutbar. Was der Mensch der Erde abverlangt ist einfach furchtbar und wie sehr der Mensch gegen die Natur „arbeitet“. Jetzt wird auch sichtbar, dass Veränderungen in der Hinsicht schnell umgesetzt werden könnten, wenn der Wille halt da ist. Aber leider zählt für viele nach wie vor wie viele Nullen der Betrag am Bankkonto hat und das mach mich Traurig.

Außerdem befürchte ich, dass auch von der Dankbarkeit gegenüber Menschen in Pflegeberufen oder im Handel, also in all den Berufen, die schlecht bezahlt sind und jetzt ein erhöhtes Risiko tragen, nicht mehr viel bleiben wird. Also ganz generell, dass diese soziale Ungleichheit, die jetzt so stark sichtbar ist, einfach wieder hingenommen wird und weggeschoben wird.

Persönlich macht mir die Einsamkeit Angst, die ich jeden Tag ein bisschen mehr verspüre.

Was gibt Dir Hoffnung?

Dass sich die Natur gerade etwas erholt und wir jetzt sehn, wie schnell das eigentlich gehen würde. Außerdem, dass wirklich jede Person aus dieser Krise etwas lernen kann und mag es noch so klein und unbedeutend erscheinen. Des Weiteren gibt mir Hoffnung, dass wir trotz allem verbunden sind und verbunden bleiben. Deswegen finde ich den Begriff „social distancing“ auch eher falsch, es ist ja eher ein „physical distancing“.

Die Welt 2021

Hoffentlich gibt es einen Impfstoff und die Bewegungsfreiheit kann dadurch wieder normalisiert werden. Zudem wäre es wirklich schön, wenn wir Menschen uns die Entschleunigung im Alltag behalten können und mehr Bewusstsein für die Umwelt und Minderheiten geschaffen wird. Auch der Konsum wird hoffentlich reduziert.

Was lernst Du ganz persönlich aus dieser Krise?

Dass Entschleunigung nichts Schlimmes ist. Dass alles irgendwie weiter geht. Dass ich mich auf mein Umfeld verlassen kann.

Verena Huber, 29 Jahre, Masterstudentin Gender, Kultur und sozialer Wandel.
Wohnt derzeit in Innsbruck (Tirol) und möchte sich gerne später als Yogalehrerin selbstständig machen.
„Mir liegen die Natur und das Klima sehr am Herzen, versuche mich vegetarisch/vegan zu ernähren und so wenig wie möglich zu konsumieren.“