C7: Tanja Hirschfeld: “Wie sich die Herzen der Menschen öffnen”

„C7“ nennen wir unseren Corona-Fragebogen, den Künstler, Medienleute, Bekannte und Unbekannte ausfüllen, um ihren Weg durch die Krise zu beschreiben. Diesmal: die Künstlerin Tanja Hirschfeld.

Die deutsch-italienische Künstlerin beschäftigt sich in ihren Arbeiten intensiv mit Masken und Trachten aus unterschiedlichen Kulturen. Während ihrer Recherche fand sie unzählige Überschneidungen der Kostümelemente. Dies bewegte sie dazu, eine Serie zu erschaffen, die unsere Weltkulturen in einer Figur vereint. Fernes, Unbekanntes und Vertrautes werden kombiniert und schaffen Nähe und Dialog. Ganz nach dem Motto „all equal“ – ein aktuell politisches und zugleich emotionales Thema. Wichtig dabei ist, dass das Motiv kein plattes Abbild oder eine Parodie unserer Kulturen darstellt, sondern die Figur mystisch oder unnahbar wirkt und dadurch das Angstgefühl verdeutlicht, das wir vor der Fremde spüren. In aufwändiger Lasurtechnik entstehen Ölbilder von kraftvollen, weiblichen Figuren, die Stärke und Sinnlichkeit verkörpern. Frauen werden mittels prachtvoller Kostüme, die teilweise wie Rüstungen wirken, zu majestätischen Wesen. 

Was überrascht Dich in der Krise?

Anfangs hat mich die langsame Reaktion der Länder gewundert, es hat sich angefühlt als müssten alle erstmal begreifen was da gerade passiert. 

Ich hätte auch gedacht, dass die Länder sich gegenseitig besser und schneller austauschen. 

Was ich bezogen auf meine Arbeit niemals gedacht hätte ist, dass so viele Sammler momentan Kunst kaufen und die Künstler unterstützen. Ich bin sehr dankbar, dass ich wegen meiner treuen Sammlerschaft keine Soforthilfe beantragen musste.

Was hilft Dir dabei im Lockdown nicht durchzudrehen?

Früher hätte ich Sport gemacht. Seitdem ich Künstlerin bin, hilft mir das Malen. Natürlich befasse ich mich dann auch unterbewusst mit der aktuellen Situation, aber es geschieht gefiltert, unterbewußt. Es ist, also würde man auf eine sanfte Weise mit einer traumatischen Situation vertraut gemacht werden. Man nähert sich der Thematik in seinem eigenen Tempo.

Welche Serie/ welches Buch / welcher Film hilft Dir durch die Krise?

Momentan habe ich keine Zeit zum lesen, aber ich hätte große Lust dazu. Tatsächlich schaue ich auch gerne Serien, und in schwierigen Zeiten sind das normalerweise keine Komödien oder oberflächliche Serien, die mir helfen. Es müssen Geschichten sein, die mich total in ihre Welt holen, damit ich komplett abschalten kann. Ich mag gern düstere Serien wie Bates Motel, Carnival, Vikings oder Game of Thrones. Die schaffen es, mich „komplett abzuschalten“.

Was macht Dir Angst?

Ich beobachte eine Spaltung bei meinen Freunden und Bekannten. Es gibt die, die sich erstmal fügen und beobachten und es gibt die, die hilflos nach einem Schuldigen suchen und sich ärgern. Mir machen die Leute Angst, die nach Verschwörungstheorien greifen, um ihre Angst zu überspielen.

Außerdem kann ich nicht gut mit der Ungewißheit umgehen. Ich stelle mir oft vor wie die Zukunft aussehen wird. Dann sitzen meine Kinder in ihren Schulklassen, in einer Art Kabine, getrennt von den anderen. Sie können sich nicht mehr unterhalten, die Kommunikation verändert sich. Sie werden einsamer, jeder für sich. Diese Welt der Isolation fürchte ich und frage mich wie es unsere Kinder verändern wird. Es fühlt sich an, als würde jemand ein Vergrößerungsglas auf unsere Erdkugel halten und uns all das, was eh schon in Entwicklung war, deutlich vor Augen halten.

Was gibt Dir Hoffnung?

Es ist schön zu beobachten, wie sich die Herzen von manchen Menschen öffnen. Man hilft sich gegenseitig. Leute von denen ich dachte sie wären Egoisten, sind plötzlich großzügig. Und ich finde es spannend wie viele kreativ werden und neue Ideen umsetzen, um zu überleben. Es ist interessant zu sehen, dass diese diejenigen sind die vorher auch schon aktiv waren. Auch hier passt wieder das Vergrößerungsglas, passive Menschen bleiben es und aktionistische Charaktere handeln und wissen sich zu helfen.

Die Welt 2021

Wir werden 2021 kein großes Stück weiter sein. Ich denke wir werden noch mit den Folgen der finanziellen Krise zu kämpfen haben, viele werden Angehörige und Freunde verloren haben. Bis dahin werden alle begriffen haben, dass dies nicht eine vorübergehende Situation ist, sondern dass wir einen neuen Pfad eingeschlagen haben und dieser Weg lang ist. Wir werden Lösungen für die Zusammenarbeit gefunden haben und noch auf der Suche nach optimalen Lebens-Bedingungen sein. Es wird sich vielleicht alles etwas normaler anfühlen, nicht ganz so fremd wie momentan.

Was hast du ganz persönlich aus dieser Krise gelernt?

Ich bin noch dabei zu lernen. Aber was sicherlich hilft, ist das aktiv bleiben. Machen, tun, kreieren, helfen… das hilft, sich lebendig zu fühlen. Und was ich auch in dieser Phase wieder bestätigen kann ist, dass es nicht hilft sich gegen etwas zu wehren oder gar zu verneinen. Das bringt einen nicht weiter, im Gegenteil-man lässt nur Dampf ab und stagniert. Aber nach neuen Lösungen zu suchen und auch mal um die Ecke zu denken, hilft dabei den Alltag erträglicher zu machen. 

Tanja Hirschfeld wurde 1971 in Rom geboren und verbrachte ihre Kindheit in Italien und Deutschland. Mit 13 ließ sich ihre Familie schließlich in München nieder. Nach dem Abitur begann sie das Studium für Kommunikationsdesign an der Fachhochschule München und arbeitete nach dem Diplomabschluss als Grafikdesignerin und Illustratorin. Seit 2014 ist sie autodidaktische Künstlerin. Sie lebt mit ihrem Mann (Filmproduzent) und ihren beiden Kindern im Glockenbachviertel.