C7: Hans Nieswandt: “Der Westen ist provinziell, arrogant und von gestern”

Was überrascht Dich in der Krise?

Da ich ziemlich genau einen Monat, bevor Wuhan in China abgeriegelt wurde, von Köln nach Südkorea umgezogen bin, hat mich nicht nur überrascht, wie schnell und effektiv man in Südkorea von Anfang an mit der Problemstellung umgegangen ist, sondern vor allem auch wie furchtbar ignorant man überall im Westen gegenüber diesen vielen, extrem wertvollen Maßnahmen war – in einer Phase, in der noch reichlich Zeit gewesen wäre, um sich entsprechend ein- und aufzustellen. Das hat mich mehr als überrascht, das hat mich maßlos aufgeregt.

Was hilft dir dabei im Lockdown nicht durchzudrehen?

Als Autor und Musikproduzent arbeite ich sowieso fast nur alleine zu Hause, daher bin ich Home Office gewöhnt. Und Musikmachen ist sowieso das beste Mittel, um  nicht durchzudrehen, auch in „normalen“ Zeiten. Dazu kommt, dass hier in Südkorea die Restaurants, Cafés und Geschäfte während der gesamten Zeit geöffnet bleiben konnten, wegen der hervorragenden Versorgung mit Masken, Desinfektionsmitteln und permanenter Informationen zu Hygiene und Infektionsherden. Ich kann Spazierengehen, Sport machen und die Stadt erkunden – man lebt ziemlich frei, nur das öffentliche Kulturleben findet so gut wie nicht mehr statt. 

Welche Serie/ welches Buch / welcher Film hilft dir durch die Krise?

Unter anderem das hier. 

Unter anderem das hier.

Schön dick, aus unschuldigeren Zeiten, und man kann sich parallel alles auf YouTube anschauen. Dabei bin ich gar kein Fan von Progressive Rock, eher im Gegenteil.

Was macht Dir Angst?

Angst habe ich eigentlich keine, aber ich hatte mich darauf gefreut, im Sommer mal wieder für ein paar Wochen nach Köln zu kommen – ich fürchte, daraus wird nichts und ich habe keinen Schimmer, wann es wieder soweit sein könnte. Mir fehlen meine Freunde und meine (erwachsenen) Kinder ein bisschen… 

Was gibt Dir Hoffnung?

Dass ich die Zeit gut nutze und am Ende ein neues Buch geschrieben haben werde, mit dem ich dann in Deutschland auf Lesereise gehen kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit dem Buch schneller fertig bin als ein Impfstoff gefunden wird!  

Die Welt 2021

Alles wie gehabt, nur mit ein paar Hunderttausend geopferten Menschen weniger; die Utopien vom großen Paradigmenwechsel und vom Ende der neoliberalen Hegemonie sind schön und wärmen das Herz, die Kräfte des Status Quo werden sich aber durchsetzen, fürchte ich. 

Was hast du ganz persönlich aus dieser Krise gelernt?

Dass der Westen provinziell, arrogant und von gestern ist; das ist mir hier erst so richtig bewusst geworden. 

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Hans Nieswandt, Seoul, beantwortet 7 Fragen zur Corona Krise

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